von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. Die bekanntesten kulturellen Veranstaltungen in Thailand, mit denen jeder Tourist konfrontiert wird, sind Thai - Tänze und Thai-Boxen. Wahrend die graziösen Tänze, die in besonders für Touristen arrangierten Veranstaltungen präsentiert, oder auch im Fernsehen gezeigt werden, von den meisten Thais aber etwa so geschätzt werden, wie das klassische Ballett bei uns, handelt es sich beim Thai-Boxen um einen wahren Volkssport. Es ist aber nicht nur ein Sport, sondern mehr eine Mischung aus Brauchtum, Thai-Philosophie und Athletik. Auch in den Touristenzentren werden Thai-Box-Vorführungen für die Besucher inszeniert, sie sind aber nur ein ganz schwacher Abklatsch einer echten Boxveranstaltung. Wer einmal die wirkliche Atmosphäre eines Thai-Box-Abends erleben will, der muß in eines der großen professionellen Boxzentren, z.B. in das Lumpini-Boxstadion in Bangkok gehen. Mit Ausnahme einer stundenlangen Zugfahrt während der Songhkran-Feiertage in den Norden Thailands, gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, der Seele des Volkes näher zu kommen. In Bangkok gibt es zwei große Boxstadien, in denen, im täglichen Wechsel, Thai-Boxturniere mit jeweils ca. 8 Kämpfen stattfinden. Obwohl Glücksspiele in Thailand (wie so vieles andere auch) gesetzlich verboten sind, geht der weitaus größte Teil der Besucher nicht ins Stadion, um gute Kämpfe zu sehen, sondern um zu wetten. Dabei geht es um den Ring toller zu, und es gibt für den Touristen fast mehr zu sehen, als im Ring selbst. Nachdem man seine paar Baht Eintritt bezahlt und in einer von der Außentemperatur und der schwitzenden Menge auf Dampfkesseltemperatur aufgeheizten Atmosphäre Platz genommen hat (Vorsicht ! - Auf den abgewetzten Holzbänken reißt man sich leicht einen Splitter in das edelste Körperteil), befindet man sich inmitten einer brodelnden, ständig in Bewegung befindlichen Menge. Alles wedelt mit den Armen; die einen, um Wetten zu signalisieren, die anderen, um blutdürstige Moskitos zu verjagen. Vor dem Ring sitzen vier Musikanten und simulieren ein Orchester, indem sie auf Trommeln und Zimbeln herumklopfen. Auch ein Mann mit einem oboenähnlichen Instrument ist nach Kräften bemüht sich an der Geräuscherzeugung zu beteiligen. Er ist sogar der wichtigste Mann im Orchester, denn er hat die Augen immer auf dem Kampfverlauf und wird je nach der augenblicklichen Situation im Ring das Tempo der musikalischen Begleitung beschleunigen oder verlangsamen. Es gibt sogar bestimmte Regeln, welche Melodien vor dem Einmarsch der Gladiatoren, während der Vorbereitungsphase im Ring und während des Kampfes gespielt werden. Für den Besucher ist zwar kaum von Interesse welche Melodie die vier Musikanten spielen, oder ob sie überhaupt eine gemeinsame Melodie zu Stande bringen, denn bei dem ohrenbetäubenden Lärm der Menge hört sowieso niemand etwas davon. Trotzdem gehört die richtige musikalische Begleitung zum Thai-Boxkampf, genau so wie Curry zu jedem Thai-Gericht. Nach einer ausführlichen musikalischen Vorbereitung werden, geleitet von ihren Betreuern, die ersten Gladiatoren in den Ring geschickt, jeder mit einem kranzähnlichen Schmuck auf dem Kopf, von dem lange bunte Bänder hängen. Sie beginnen zunächst mit einer endlosen Reihe von Verbeugungen in alle Himmelsrichtungen, um das Wohlwollen der anwesenden Geister zu erbitten. Wenn sie einmal um den Ring herum sind, fangen sie wieder von vorne an, um nur ja keinen der möglichen vorhandenen Geister auszulassen, denn es ist jedem Thai bekannt, daß diese besonders scharf auf Boxkämpfe sind. Danach kommt erst einmal wieder eine Pause, in der das Orchester seine Anstrengungen verstärkt, um doch endlich zu Gehör zu kommen (oder um die bösen Geister zu verjagen). Dem letzteren Zwecke dienen jedenfalls ein paar Feuerwerksknaller, die vor dem Kampf und in den Pausen zwischen den Runden gezündet werden. Vor allem dienen die Pausen aber dazu Wetten abzuschließen. In den hintersten Reihen um den Ring sitzen die Buchmacher, und überall zwischen den Zuschauern sieht man hochgereckte Hände, die bei dem Geschrei, das jede akustische Verständigung unmöglich macht, mit für den Laien unverständlichen Handzeichen Wetten in zum Teil beträchtlicher Höhe abschließen. Das Wetten beginnt in der Regel nach der ersten Runde, nachdem sich jeder einen Eindruck von der Kampfkraft der jeweiligen Gegner verschaffen konnte. Dann geht es von Runde zu Runde weiter, wobei natürlich die Quoten entsprechend der Entwicklung des Kampfes ständig wechseln. Kassiert bzw. ausgezahlt wird nach jedem Kampf. Dabei ist es für den Farang absolut unverständlich, wie Buchmacher und Wetter in dem Tohuwabohu und ohne jede schriftliche Fixierung, bei den von Runde zu Runde wechselnden Quoten die Übersicht behalten und wissen, wer was bekommt oder zu zahlen hat. Endlich geht es los, oder wenigstens beinahe. Die beiden Kämpfer werden vom Schiedsrichter in die Ringmitte geführt und ermahnt, sich an die Kampfregeln zu halten. Das ist nicht besonders schwer, denn wie es dem Farang erscheint, ist beim Thai-Boxen alles erlaubt, mit der einzigen Ausnahme, dem Gegner die Daumen in die Augen zu stoßen. Damit aber auch diese einfache Regel nicht vergessen wird, tragen die Kämpfer ja dicke Boxhandschuhe. Weiter tragen sie knielange Hosen, die in den letzten Jahren vor allem deshalb immer länger geworden sind, damit mehr Reklame darauf Platz hat. Nach den Ermahnungen des Schiedsrichters gehen die Matadore noch mal zurück in die Ecken, die Kränze werden abgelegt, noch ein paar Verbeugungen vor Buddha und allen guten Geistern, dann ertönt der Gong und es geht endlich los. Die Gegner dreschen und stoßen mit allem was sie haben aufeinander ein, mit den Füßen, den Knien, den Ellenbogen, dem Kopf und manchmal auch mit den Fäusten. Das gesamte Schauspiel wird außer von der Musik, vom ohrenbetäubendem Geschrei der Zuschauer begleitet, das jedesmal, wenn einer der Gegner einen besonders gut plazierten Schlag gelandet hat, zu einem noch lauterem 'chock' anschwillt, was etwa soviel heißt wie 'Treffer'. Das ganze geht bis zum k.o. oder über 6 Runden. Ist bis dahin einer der Gegner noch nicht am Boden, entscheiden die Ringrichter. Worauf sie ihre Entscheidung gründen, ist für den Zuschauer meist nicht nachvollziehbar und nur so zu erklären, daß die Ringrichter entweder blind (die freundlichere Annahme) oder am Wettergebnis beteiligt sein müssen (die wahrscheinlichere Annahme). Jedenfalls schwillt nach dem Entscheid des Schiedsgerichts das Geschrei noch einmal gewaltig an. Die einen schreien, weil sie ihre Wette gewonnen haben, die anderen, weil sie sich betrogen fühlen. So geht das Ganze nun über acht oder noch mehr Kämpfe. Wenn am Ende der Veranstaltung der Farang völlig durchgeschwitzt, taub von dem Geschrei, von Moskitos zerstochen und mit dem Gefühl, daß er nichts begriffen hat, seinem Hotel zustrebt, kann er sich trotzdem sagen, daß er ein echtes Stück Thailand erlebt hat. Weit entfernt von dem künstlich zurechtgeschneiderten Kulturbild, das den Touristen sonst vorgeführt wird, aber genauso weit entfernt von dem Nachtleben in den einschlägigen Vergnügungszentren für Touristen. Kommentare |