von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. Der Geisterglaube gibt wie die Religion den Menschen in Thailand eine gewisse Lebens- und Handlungssicherheit. Wenn man ihnen diese wegnimmt, werden sie haltlos und unsicher. Für Thais ist der ganze Kosmos von Engeln, Dämonen, Vampiren, kurz von überirdischen Wesen belebt. Geister, das heißt Wesen die wir nicht wahrnehmen können, sind in jedem Haus, jedem Baum, jedem Reisfeld, jedem Fluß. Wer einigermaßen unbeschadet durchs Leben kommen will, muß sich mit diesen Geistern gut stellen, sie möglichst freundlich stimmen und ihnen regelmäßig Opfergaben bringen. In Thailand gibt es eine Unmenge verschiedener Geister. Da sind zunächst die guten Geister, die dem Menschen helfen, ihn beschützen und vielleicht seine Wünsche erfüllen. Alle wollen allerdings auch entsprechend gebeten, mit Opfergaben günstig gestimmt und bei Erfüllung der Wünsche belohnt werden. Einige guten Geister helfen bei der Heilung von Krankheiten, andere bei der Suche nach verlorenen Gegenständen, und wenn man Glück hat, hilft einem ein guter Geist auch bei der Wahl der richtigen Lotterienummer. An Gelegenheiten die Geister freundlich zu stimmen fehlt es nicht. Jede Wohnung hat ihren Hausaltar, und vor jedem Haus steht ein oder zwei Geisterhäuschen, in denen man den Geistern opfern kann. An jeder Straßenkreuzung werden kleine Kränze mit frisch aufgezogenen Blüten verkauft, die zu Hause über den Hausaltar oder aber vor dem Haus an ein Geisterhäuschen gehängt werden, um das Wohlwollen der Geister zu gewinnen. Mit den bösen Geistern die außerhalb des Hauses bzw. des Dorfes lauern ist es etwas schwieriger. Sie sind nicht näher bekannt und daher unkalkulierbar. Sie wären in unserem Sprachgebrauch etwa als Gespenster zu bezeichnen. Davon gibt es ganz grausliche Typen, wovon man sich in jedem zweiten Thai Film überzeugen kann. In der Wirklichkeit quälen sie die Menschen vor allem nachts im Traum. Schützen kann man sich gegen die bösen Geister mit Tätowierungen, Amuletten oder indem man eben durch eifriges Opfern die guten Schutzgeister gegen sie mobilisiert. Besondere Angst vor den bösen Geistern haben natürlich die Frauen, vor allem die jungen Mädchen. Das hindert sie aber nicht daran, sich am liebsten Grusel- und Horrorfilme anzusehen, oder Comic-Hefte mit Geistergeschichten zu verschlingen. Je gruseliger es darin zugeht, um so besser kann man sich dann fürchten, wenn es dunkel wird. Thais wären aber keine Thais, wenn sie nicht auch versuchen würden die Geister zu beschummeln, schließlich sind es ja auch thailändische Geister. Wenn z.B. ein Baby geboren wird, darf man die stolze Mutter nicht etwa zu dem hübschen Kind beglückwünschen. Das könnten böse Geister hören und das Kind stehlen. Man gratuliert der Mutter also zu dem häßlichen Kind und alle grinsen dabei und wissen, wie es gemeint ist. Auf der anderen Seite muß man das, was man einem Geist für die Erfüllung eines Wunsches versprochen hat, z. B. einen schönen Holzelephanten oder auch eine Flasche Reisschnaps, auch wirklich geben, wenn der Wunsch erfüllt worden ist, sonst kann der Geist sehr ärgerlich werden und einem böse Dinge antun. Wenn meine Frau auf den Markt geht und Früchte mitbringt, wird immer etwas davon für die Geister abgezweigt, bevor die Familie sich über das Mitgebrachte hermacht. Auf meine etwas spöttische Frage, ob sie denn tatsächlich glaube, daß die Geister sich an den aufgestellten Früchten laben, antwortete sie mir einmal: 'Du hast mir doch erzählt, daß ihr zum Geburtstag deiner Mutter an ihrem Grab Blumensträuße hinlegt. Glaubt ihr denn etwa, daß der Geist der Mutter aus dem Grab herauskommt und an den Blumen schnuppert'. Dazu war nun nichts mehr zu sagen. Geister sind eben immaterielle Wesen, die den guten Willen für die Tat nehmen, als Zeichen, daß an sie in respektvoller Form gedacht wird. Dementsprechend wäre es auch eine Todsünde, die allerdings von unverständigen Farangs manchmal begangen wird, sich im Vorbeigehen eine frische Banane oder Orange von einem vor dem Geisterhäuschen stehenden Teller zu schnappen. Solch eine schwere Beleidigung der Geister kann böse Strafen, wie Unfälle oder Krankheiten nach sich ziehen, und zwar nicht nur für den Sünder, sondern auch für den Hausbesitzer, der nicht besser aufgepaßt hat. Der Farang darf sich also nicht wundern, wenn in solch einem Falle die Thais unverhältnismäßig hart reagieren. Nach meiner Erfahrung ist so eine Beleidigung des Hausgeistes ein viel schwererer Fauxpas, als einem Kind über den Kopf zu streicheln oder auf eine Banknote, die ja immer das Bild des Königs trägt, zu treten, wenn sie einem aus der Hand geglitten ist und wegzufliegen droht. Vor diesen kleinen Tabuverstößen wird zwar in jedem Reiseführer gewarnt, sie lassen aber den Durchschnitts-Thai völlig kalt. Thais werden also immer versuchen, sich vor allem mit denjenigen Geistern, mit denen sie täglich zu tun haben, also mit den Hausgeistern, möglichst gut zu stellen. Dabei behandeln sie die Geister nicht viel anders als wie menschliche Wesen, die einem nützen oder schaden können. Je nach Situation wird man dem jeweiligen Geist schmeicheln, ihn um etwas bitten, ihn bestechen oder beschummeln, ihn belohnen wenn er geholfen oder auch schon mal mit ihm schimpfen, wenn er nicht geholfen hat. Da es in Thailand nichts umsonst gibt, wollen auch die Geister für ihre Hilfe bezahlt werden, z.B. mit einer Flasche Mekhong-Whisky oder einem schönen Holzelefanten. Um das Geschäftsrisiko möglichst klein zu halten, kriegt der Geist das Versprochene aber erst bei Erfüllung des Wunsches. Hat er aber nicht geholfen, dann kriegt er eben nichts. Im Haus der Eltern meiner Frau steht in der Ecke der Hausaltar, auf dem friedlich neben einigen Urnen mit der Asche von Familienmitgliedern, ein paar Holzelefanten und einigen bunten Figuren, die an Kinderspielzeuge erinnern, auch immer ein paar Flaschen Schnaps stehen. Wer in der Familie ein Anliegen an den Hausgeist hat, sei es daß er bei Zahnschmerzen helfen, Regen oder einen Lotteriegewinn bringen soll, der geht mit seinem Problem zum Hausaltar und verspricht dem Geist für den Fall der Hilfe eine, oder bei größeren Wünschen auch mehrere Flaschen Schnaps. Natürlich muß der Geist das Versprochene dann aber auch wirklich bekommen, wenn der Wunsch erfüllt ist, sonst könnte er die Wunscherfüllung rückgängig machen, oder sich fürchterlich rächen. Wenn wir mal abends mit der Familie und vielleicht ein paar Nachbarn vor dem Haus sitzen, um eine Flasche Mekhong-Whisky leer zu machen, die ich spendiert habe, dann passiert es schon mal, daß die Flasche leer, die versammelte Gesellschaft aber noch nicht voll ist. Dann gehe ich einfach zum Hausaltar, frage den Hausgeist in geziemender Form, ob er mir eine Flasche von seinem Schnaps leiht (er hat noch nie nein gesagt) und dann kann die Party weiter gehen. Natürlich muß ich dann sehen, daß der Geist seine Flasche am nächsten Tag mit Dank und mit möglichst einem kleinen Opferteller voll Obst oder Blumen wieder zurück bekommt. Ich habe allerdings in den vielen Jahren das Rätsel noch nicht lösen können, was tatsächlich mit den Flaschen geschieht, denn obwohl von Zeit zu Zeit immer neue hingestellt werden, bleibt die Gesamtzahl auf dem Altar mit etwa 5 Flaschen immer gleich. So ganz kann ich mich bis heute noch nicht zu dem Glauben durchringen, daß der Hausgeist tatsächlich Schnaps trinkt und dann sogar die leeren Flaschen entsorgt. Ich habe statt dessen den Verdacht, daß hier der Opa dem Hausgeist manchmal aushilft. Auch die Erdgeister sind nicht zu vergessen. Wenn wir abends vor dem Hause sitzen und ich einem Gast ein Glas Bier oder Reisschnaps eingieße, wird jeder erst mal einen kleinen Schluck für die dort wohnenden Geister auf den Boden gießen, bevor er selber trinkt. Auch sieht man manchmal große, alte Bäume, um die bunte Schleifen gebunden oder vor denen Opfergaben abgestellt sind. Dies ist ein Zeichen dafür, daß in diesem Baum ein verehrungswürdiger Geist wohnt. Kommentare |