von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. Besucher des Isaan fallen die vor jedem Haus auf hohen Pfählen stehenden Geisterhäuschen auf. Das größere dieser Häuschen dient dem Erdgeist 'Chao Thi', den man beim Bau des Hauses aus dem Boden vertrieben hat, als Wohnsitz. Die Menschen glauben, daß jedes Stück Land von einem Geist bewohnt wird. Will man also auf einem Grundstück ein neues Haus bauen, so ist es erforderlich, dem aus dem Boden des Bauplatzes vertriebenen Erdgeist ein neues Domizil anzubieten, damit er nicht mit den Menschen zusammen in dem neuen Haus wohnen muß. Daneben steht meist noch ein kleineres Häuschen für den"Chao Phum", den Luftgeist. Vor dem Aufstellen der Geisterhäuschen wird zunächst der Dorfschamane befragt, der einen günstigen Platz ausmacht. Dabei gibt es natürlich ein paar Regeln. So darf der Schatten des neuen Hauses auf keinen Fall auf das Geisterdomizil fallen. Wenn diese Regeln nicht beachtet werden, kann es sein, das die Geister nicht geneigt sind, ihr neues Zuhause zu beziehen, und das kann dann böse Folgen für die Hausbewohner haben. Auch für die Form eines solchen Häuschen gibt es Regeln. Da die Geister aber alle scheinbar den gleichen Geschmack haben, ist es möglich solche Häuser in Serienproduktion aus Beton herzustellen. In den Baustoffhandlungen werden neben allen Dingen die man zum Hausbau braucht, fertige Geisterhäuschen in verschiedenen Größen und Preislagen angeboten.  Foto von Raymond Semke, Autor der Fotogalerie Thailand
Das Geisterhäuschen ruht auf einer Säule aus Holz oder Beton, hoch genug um Respekt auszudrücken, aber auch niedrig genug um Opfergaben überreichen zu können. Die Plattform muß immer mindestens in Augenhöhe angebracht werden, denn eine niedrigere Bauweise könnte die Geister erzürnen. Auf der Plattform der Geisterhäuschen stehen kleine Ton- oder Holzfiguren wie Tänzerinnen, Elefanten oder Pferde,. Oft ist sogar eine regelrechte Puppenstube eingerichtet, um den Geistern das Wohnen angenehm zu machen. Einmal in der Woche, und vor allem zu festlichen Gelegenheiten werden kleine Schälchen mit Essen und Trinken dazu gestellt, damit es den guten Geistern auch an nichts mangelt. Auch Coca-Cola oder ein Gläschen Mekhong wird wohl mal angeboten (mit Strohhalm bitte, damit der Geist auch trinken kann). Manchmal - vor allem wenn sie direkt an der Straße stehen - sind die Häuschen auch mit bunten Lichterketten geschmückt, die bei Dunkelheit aufblinken. Für den Farang sehen sie oft wie bunte Vogelhäuschen aus. Auch vor Behörden, Banken, in Parks und sogar vor manchen Bars haben sie ihren festen Platz. Vor manchen großen Hotels oder Einkaufszentren hat man wahre Paläste für die Geister errichtet. Wenn ein Geisterhäuschen vernachlässigt wird, so wird der Bewohner dafür sorgen, daß das auf dem Grundstück stehende Haus in den selben Zustand gerät. Wenn er gar sein vernachlässigtes Häuschen verläßt, so kann dies großes Unglück über die Hausbewohner bringen. Diese Geisterhäuser sind übrigens keineswegs ein buddhistischer Brauch, wie die Farangs meistens denken. Sie sind brahmanischen Ursprungs und von den Thais vor vielen Jahren übernommen worden. Wenn meine Frau auf den Markt geht und Früchte mitbringt, wird immer etwas davon für die Geister abgezweigt, bevor die Familie sich über das Mitgebrachte hermacht. Auf meine etwas spöttische Frage, ob sie denn tatsächlich glaube, daß die Geister sich an den aufgestellten Früchten laben, antwortete sie mir einmal: 'Du hast mir doch erzählt, daß ihr zum Geburtstag deiner Mutter an ihrem Grab Blumensträuße hinlegt. Glaubt ihr denn etwa, daß der Geist der Mutter aus dem Grab herauskommt und an den Blumen schnuppert'. Dazu war nun nichts mehr zu sagen. Geister sind eben immaterielle Wesen, die den guten Willen für die Tat nehmen, als Zeichen, daß an sie in respektvoller Form gedacht wird. Dementsprechend wäre es auch eine Todsünde, die allerdings von unverständigen Farangs manchmal begangen wird, sich im Vorbeigehen eine frische Banane oder Orange von dem vor dem Geisterhäuschen stehenden Teller zu schnappen. Solch eine schwere Beleidigung der Geister kann böse Strafen, wie Unfälle oder Krankheiten nach sich ziehen, und zwar nicht nur für den Sünder, sondern auch für den Hausbesitzer, der nicht besser aufgepaßt hat. Der Farang darf sich also nicht wundern, wenn in solch einem Falle die Thais unverhältnismäßig hart reagieren. Häufig sieht man solche Geisterhäuschen auch an unfallträchtigen Straßenstellen oder den Orten von Verbrechen, da hier nach dem Glauben der Menschen ein besonders böser Geist sein Unwesen treiben muß. Die Errichtung der Geisterhäuschen an solchen Stellen geschieht dann meist durch Personen, die ein Gelübde erfüllen. Einige dieser Geisterhäuser haben mittlerweile auch besondere Bedeutung erlangt - so z.B. das Geisterhaus beim Erawan Hotel in Bangkok. 
Erawan-Schrein
Beim Bau des Hotels gab es ungewöhnlich viele Unfälle. Nach Befragung der dafür zuständigen Experten kam man zu dem Schluß, daß die Ortsgeister verstimmt seien, weil man auf dem Grundstück einige Bäume gefällt hatte, auf denen diese normalerweise geruht hatten. Um sie wieder zu besänftigen, war es also erforderlich, so schnell als möglich einen großräumigen Schrein für sie zu bauen, wonach die Arbeiten ohne weitere Probleme zu Ende gebracht werden. Der damals errichtete Brahma-Schrein, der ursprünglich aufgestellt wurde, um Unglück von der Baustelle fernzuhalten, wird heute aber wegen seiner vielen Wunder täglich von Tausenden von Menschen besucht, und ist zu einem regelrechten Wallfahrtsort geworden. Das Hotelmanagement mußte um den Schrein herum einen besonderen Tempelhof errichten, um Platz für die vielen Bittsteller zu schaffen. Die Besucher erhoffen sich Glück in den alltäglichen Dingen des Lebens, wenn sie hier ein Opfer darbringen. So werden an diesem Ort regelmäßig große Mengen Blumengebinde und kleine Holzelefanten niedergelegt, die laufend wieder beseitigt werden müssen, um der wahren Flut der Opfergaben Herr zu werden. Eine Truppe von einem Dutzend Tempeltänzerinnen in traditionellen Kostümen steht darüber hinaus für die bereit, die den hier wohnenden Geist durch eine dargebrachte Tanzdarbietung günstig stimmen wollen. Kommentare |