baanthai Magazin - Geschichte von Günther Ruffert
Geschichte in Thai Schulbüchern

von Günther Ruffert

Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand.

Die Geschichte, wie sie in Thai-Schulbüchern gelehrt wird, ist eine Königsgeschichte. Zusammengefaßt stellt sich die Thai-Geschichte für die Schüler wie folgt dar : Thailand ist ein friedliebendes Land, wurde aber in der Vergangenheit mehrmals von fremden Mächten überfallen. Jedesmal hingegen hat es der König geschafft das Land zu retten, und die Thais konnten weiterhin glücklich in Frieden leben. Ohne König gibt es kein Thailand und keine Geschichte. In dieser Geschichte ist kein Platz für gewöhnliche Sterbliche, und so endet die staatliche und politische Entwicklung Thailands in den Schulbüchern plötzlich 1932, als der 7. König der Chakrie-Dynastie nach einem unblutigen Staatsstreich der absoluten Monarchie entsagte, und das Land in eine konstitutionelle Monarchie umgewandelt wurde.

Was dann noch kommt – also der größte Teil des 20. Jahrhunderts – mit seinem wechselhaften politischen Auf und Ab, (seit 1932 fanden 18 Militärputsche statt, der letzte 1991), kennt keine Personen mehr, sondern nur noch einen König, der gottvaterähnlich über sein Volk wacht, und dessen Probleme zu seinen Herzensangelegenheiten macht. Seine Weisheit und seine Fürsorge beschützen das Volk vor Unbill und vor Feinden. Ohne König gibt es keine Nation; das Volk ist nur eine anonyme Masse.

Die Schulbücher bringen fast nichts über die sozialen Strukturen des Landes, und schon gar nichts über dessen Veränderungen. So wurde z.B. ein Plan des Erziehungsministeriums, in einem neuen Schulbuch über den blutigen Studentenaufstand vom 14. Oktober 1974 zu berichten, der zur Ablösung des Regimes des Feldmarschalls Thanom Kittikachorn, und zur Durchsetzung überfälliger demokratischer Reformen in Thailand führte, durch den Ministerpräsidenten Thaksin gestrichen (Bangkok Post 6.9.01). Er war der Meinung, daß die Schüler der Oberklassen, für die dieses Buch gedacht war, durch das Studium dieser, einen gravierenden Wendepunkt in der Geschichte der Thai-Demokratie darstellenden Ereignisse überfordert würden.

Nur am Rande erfahren die Kinder etwas über die vor 100 Jahren noch übliche Leibeigenschaft, und über die Abhängigkeit der Leibeigenen von den adeligen Herren. In diesem Bild ist kein Platz für soziale Strukturen, Opposition und Klassengegensätze zwischen Arm und Reich. Das moralische (ideale) Modell das an den Schulen gelehrt wird, hat nichts mit der realen Gesellschaftsform zu tun, sondern zeichnet ein utopisches Bild der Volksgemeinschaft. Hier werden Fakten durch Wunschvorstellungen oder durch Mythologie ersetzt. Ein König, der über alle Thais wacht, der einen Strom von Segen und Wohltaten über sie ausschüttet. Die Bücher sind voll mit Beispielen für die guten Taten des Königs (Entwässerung- und Bewässerungsprogramme, künstlicher Regen, Sorge für verwundete Soldaten, Förderung von Schule und Bildung, ja sogar die Erfindung eines Treibstoffes aus heimischen Palmöl, zum Ersatz des teuren importierten Dieselöls).

Die Begriffe Volk, Staat, Gesellschaft und Gemeinwohl sind alles Synonyme für eine Ideologie, die ganz auf den König fokussiert ist. Die Gemeinsamkeit der Nation wird weniger durch Sprache, Grenzen, oder Geschichte definiert, sondern durch das gemeinsame Gefühl der Liebe und Dankbarkeit zum König. Das Glück und Wohlergehen des Volkes hängt ganz vom König ab. Er ermöglicht es den Thais sich als eine große Familie zu fühlen. Das undifferenzierte Bild des Landes, das den Kindern in der Schule vermittelt wird, ist das einer großen Familie oder Dorfgemeinschaft. Darüber hinaus werden die Pflichten jedes einzelnen gegenüber dieser Großfamilie herausgestrichen, ohne ihn aber in gleicher Form über seine Rechte in einem demokratischen Rechtsstaat zu belehren. Freiheit der Meinung, Schutz der Persönlichkeit, kurz all das, was die Vereinten Nationen als fundamentale Menschenrechte deklariert haben, werden nicht erwähnt. Die Idee, daß alle Menschen von Geburt aus die gleichen Rechte haben, paßt nicht zum thailändischen Bild einer hierarchischen Ordnung.

Thailand ist eine Demokratie, und die Schüler erfahren im Unterricht, daß jeder Bürger das Recht hat die Leute zu wählen, die ihn vertreten. Das geht mit der Wahl des Bürgermeisters los, über die Wahl der Delegierten für den Kreistag und die Provinzvertretung, bis zur Wahl des Parlaments und des Senats in Bangkok. Diese Basisdemokratie funktioniert auch bis ins kleinste Dorf. Bei der Wahl des Kreistagsvertreters in unserem Dorf, lag z.B. die Wahlbeteiligung bei 95 %, eine Zahl die wir im Westen nur von diktatorischen Regimen gewohnt sind. Die Regierung wird aber in den Schulbüchern nicht als vom Volk mit der Vertretung und Durchsetzung seiner Grundrechte beauftragtes Gremium dargestellt, und auch nicht das Wahlrecht als Basis der politischen Willensbildung. Vielmehr erscheint das Recht Leute zu wählen, die einen bei der Regierung vertreten, als ein Zugeständnis der Regierenden an die Regierten. Ebenfalls kommt gar nicht zur Sprache, daß die Demokratie ein unabdingbares Mittel zur Auseinandersetzung und zum Finden von Kompromissen zwischen den verschiedenen Gruppen und Interessen im Volk ist.

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