baanthai Magazin - Geschichten aus dem Itsan von Günther Ruffert
Geschichten aus dem Itsan

von Günther Ruffert

Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand.

Mit Itsan bezeichnet man den nordwestlichen Teil Thailands, ein Gebiet, in dem überwiegend laotisch oder auch kambodschanisch gesprochen wird. Die dort wohnenden Menschen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer heimischen Sprache (da sie Thais sind, sprechen sie nicht unwesentlich von dem Hauptteil der thailändischen Bevölkerung. Die Leute leben dort überwiegend von der Landwirtschaft, und da dort wesentlich weniger Regen fällt als im übrigen Thailand, sind die Erträge auch entsprechend geringer. Es handelt sich kurz gesagt um das Armenhaus Thailands. Nicht umsonst stammt der größte Teil der Mädchen, die in den Bars von Bangkok, Pattaya oder Phuket ihr Geld verdienen aus dem Itsan. Mit dem hier verdienten Geld können sie ihre Familien zu Hause unterstützen, und so zu einem zumindest bescheidenen Lebensstandard verhelfen.

Ein breiter Streifen entlang der kambodschanischen Grenze, mit dem Zentrum Surin wird von Thais kambodschanischer Abstammung bewohnt, die nicht nur einen kambodschanischen Dialekt sprechen, sondern – zumindest auf dem Lande – ihre Jahrhunderte alten Sitten auch heute noch beibehalten haben.

Ich habe eine ganze Zeit in solch einem Dorf gelebt und versucht - soweit das für einen Farang überhaupt möglich ist - mich dem alltäglichen Tagesablauf anzupassen. Da der Tourist normalerweise nicht in diese Gegenden reist, aber in den Hauptfremdenverkehrsorten oft mit Mädchen zusammen kommt, die dorther stammen, ist es sicher interessant etwas über das Leben in diesen Dörfern zu erfahren. In den folgenden kleinen Geschichten will ich ein bißchen über meine Erfahrungen in einem kleinen Dorf berichten.

Dorffest im Isaan
Dorffest im Isaan
Foto von Günther Ruffert

Die Brautschau

Eines morgens stehen plötzlich ein alter Pickup und ca. 15 Leute aus dem Dorf, angeführt vom Dorfältesten und dem Bürgermeister vor unserem Haus. Ich bekomme erklärt, daß die ganze Truppe zu einer wichtigen Angelegenheit gefahren werden muß und werde gefragt, ob ich mitfahren will. Natürlich will ich und klettere also mit der ganzen Bagage hinten auf die Ladefläche des Pickups. Zuerst geht es über die Landstraße, dann ein ganzes Stück über allgemein nur von Büffelkarren befahrene Feldwege, bis wir endlich nach ca. einer Stunde bei ein paar armseligen kleinen Hütten angelangt sind. Bis jetzt habe ich noch nicht richtig begriffen worum es eigentlich geht, nur das Wort Tschao-bao (Bräutigam) habe ich verstanden. Es muß sich also um eine Angelegenheit handeln, die etwas mit einer Hochzeit zu tun hat.

Die ankommende Gesellschaft wird von den Bewohnern des kleinen Weilers mit dem Bürgermeister an der Spitze begrüßt. Dann setzt man sich in einer großen Hütte zusammen und fängt an zu palavern. Ich sitze dabei, kann aber – obwohl ich einigermaßen Thai spreche – kaum ein Wort verstehen, da alle unter sich nur kambodschanisch sprechen, ich muß also versuchen, mir aus den Gesten und der unterschiedlichen Mimik etwas zusammenzureimen. Nach einer halben Stunde freundlichen Palaverns, in der man sich wohl über das Wetter und die allgemein schlechten Zeiten beklagt hat, kommt man aber endlich zur Sache. Die beiden Dorfältesten fangen an intensiv miteinander zu verhandeln, und ich bekomme mit, daß es augenscheinlich um Geld geht. Die Stimmen werden lauter, bei jeder Forderung der einen Partei wird von den Mitgliedern der anderen Partei heftig protestiert. Der ganze Kuhhandel geht aber mit viel Gelächter und Scherzen vor sich. Nach etwa 2 Stunden scheint man sich aber über den Preis – für was auch immer - einig geworden zu sein. Eine Flasche Reisschnaps und ein paar Flaschen Bier werden aufgemacht und auf den abgeschlossenen Handel geleert.

Jetzt wird ein junger Mann, der mit unserer Truppe gekommen war, und ein junges Mädchen, das wohl hier in das Dorf gehört hereingerufen. Beide hatten während der ganzen Verhandlung mit ein par anderen jungen Leuten vor der Hütte gesessen. Nun beginne ich langsam zu ahnen um was es sich handelt. Ein junger Mann aus unserem Dorf, der bei der Grenzpolizei in der Nähe des anderen Dorfes stationiert war, hatte eine Braut gefunden, und nun muß der Brautkauf der Sitte gemäß zwischen den beiden Dörfern abgeschlossen werden.

Auf meine interessierte Frage, was die junge Braut denn nun gekostet hat, erfahre ich, daß sich der Brautpreis auf 8000 Baht (ca. 40.- DM), eine fette Sau und zwei Kartons Reisschnaps beläuft. Als ich darüber erstaunt bin, da ich von anderen Hochzeiten im Dorf wesentlich höhere Preise gewohnt bin, werde ich belehrt, daß es sich hier um die Tochter von armen Tagelöhnern handelt, die anders als Bauerntöchter ja kein Erbrecht auf das elterliche Land mit in die Ehe bringt, und deshalb so billig ist.

Abschließend will ich denn nun wissen wann Hochzeit ist. Das soll in etwa drei Monaten sein; den genauen Termin kann aber jetzt noch keiner sagen, denn dazu muß der Dorfschamane erst befragt werden, um einen günstigen Tag herauszufinden.

Festzug im Isaan
Festzug im Isaan
Foto von Günther Ruffert

Die Hauseinweihung

Ein Haus muß nicht nur ordentlich gebaut, sondern auch den alten Bräuchen entsprechend eingeweiht werden, wenn die Bewohner glücklich darin leben sollen. So natürlich auch unser Haus.

Nach vielen Mühen und dem für Farangs beim Hausbau unvermeidlichen Ärger, weil es Handwerker im allgemeinen und Thai-Handwerker ganz besonders mit der sauberen und geplanten Ausführung nicht so genau nehmen, ist endlich der große Tag gekommen. Am Abend vorher haben die Fliesenleger bei Lampenlicht noch die letzten Platten angeklebt. Morgens früh ist Tschuai schon um halb drei aufgestanden um zum Markt zu fahren und für das große Fest einzukaufen. Von dem ganzen Pickup voll Waren, mit dem sie vom Markt zurückkam, sind mir nur 20 Flaschen Thai-Whisky (40%) und 10 Kartons Bier mit je 12 Flaschen, also 120 Flaschen im Gedächtnis geblieben. Ich habe aber so meine Bedenken ob das ausreicht. Morgens beginnen auch langsam die Gäste für die große Feier am Abend einzutrudeln. Während die Männer im Vorbau auf der Bank sitzen und anfangen die Alkoholitäten zu konsumieren, hocken die Frauen zusammen und bereiten das große Festessen für den Abend vor. Alles unter einem großen Zeltdach, das am Abend vorher aufgestellt wurde. Weniger um vor einem eventuellen Gewitterguß, als vor der brennenden Sonne Schutz zu bieten.

Tschuai ist gestern den ganzen Tag herum gefahren und hat nur Familie zu dem Fest eingeladen. Da die Familie aber mit dem ganzen Dorf und auch noch einigen Nachbardörfern versippt ist, dürften wohl an die hundert Leute zusammen kommen. Dazu natürlich die Hauptsache: neun Mönche die abends um neun kommen um das neue Haus einzusegnen.

Gegen fünf Uhr nachmittags ist dann die ganze Festversammlung eingetrudelt, tatsächlich über hundert Familienmitglieder. Vor dem Haus formiert sich die ganze Gesellschaft zu einem Zug. Alles was von der Hauseinrichtung tragbar ist – Matratzen, Stühle, Töpfe usw. hat sich jemand aufgeladen und nun zieht der ganze Zug, der Großvater mit einem Regenschirm an der Spitze, mit lautem Heulen und Geschrei dreimal um das Haus.

Anschließend geht es in das Obergeschoß, wo an allen Pfosten Blumen, Früchte und Reisigbüschel aufgehängt sind. Die ganze Gesellschaft setzt sich nieder, das junge Paar in der Mitte und nun wird beginnt eine Zeremonie, die sowohl das Haus, wie das junge Paar einsegnet. Ausgeführt wird das alles vom Ajahn, was eigentlich Lehrer, Meister bedeutet, hier im Dorf aber der Zeremonienmeister für alle festlichen Angelegenheiten ist. Nach einer ganzen Reihe von Zeremonien und Segenssprüchen, die dem Farang sowieso völlig unverständlich sind, legt der Ajahn die Hände des Paares übereinander auf ein Kissen, auf dem ein Stößel und noch ein anderer kleiner Hausratgegenstand liegen und bindet dann unter Segenssprüchen die Hände des Paares mit einer weißen Kordel zusammen. Auf das Haupt bekommt jeder noch eine Krone aus weißer Kordel aufgesetzt, die miteinander verbunden ist. Noch ein paar Segenssprüche und eine ordentliche Dusche aus geweihtem Wasser mit dem Reiserstrauch, und der offizielle Teil ist gelaufen. Jetzt kommt aber noch jeder der Anwesenden zum glückwünschen, bindet dem Paar eine weiße Kordel um das Handgelenk und legt einen Geldschein in die offenen Hände; je nach Vermögen zwischen 20 und 100 Baht.

Anschließend wird die Zeit bis zum Eintreffen der Mönche mit Essen und Trinken verbracht. Die Mönche treffen gegen 9 Uhr abends ein und jetzt zieht die ganze Gemeinde wieder ins Obergeschoß. Ich habe so meine Bedenken, ob die Holzdecke die Lasten aushält und hätte die ganze Veranstaltung lieber im Erdgeschoß abgehalten, wo im übrigen auch mehr Platz war. Das geht aber nicht, weil dann jemand den Mönchen über den Kopf laufen könnte. Die neun Mönche plazieren sich an einer Wand und die ganze Gemeinde davor. Alles sitzt natürlich auf dem Boden in der geziemenden Sitzhaltung, das heißt die Beine nach hinten abgewinkelt und dabei praktisch auf den Unterschenkeln sitzend. Für den Thai ist diese Sitzhaltung normal, für den ungeübten Farang aber eine Qual, die er nicht länger als 5 Minuten durchhält. Nun dauert das eintönige Gebet der Mönche aber eine halbe Stunde, so daß mir, obwohl ich häufig die Seite wechsle, langsam die Beine einschlafen. Ganz kritisch wird es dann, wenn – was während des Gebets mehrere Male in Abständen geschieht – sich die ganze Gemeinde nach vorne neigt, mit den Handflächen und mit der Stirn den Boden berührend. Der Farang, der das aus der beschriebenen Sitzhaltung heraus versuchen würde, kippt unweigerlich um, was dann nicht unbedingt zur feierlichen Stimmung der Veranstaltung, wohl aber zum Gaudi der Anwesenden beiträgt. Nach dem der Obermönch alle Anwesenden und das ganze Haus (meinen Laptop eingeschlossen) reichlich mit gesegnetem Wasser eingesprüht hat, ist der offizielle Teil beendigt, und nun geht das Feiern richtig los. Jetzt kommt auch das wichtigste Requisit der Veranstaltung voll zur Geltung: die Musik. Schon am Vortage war eine Lautsprecheranlage aufgebaut worden, die zur Beschallung eines Großraumstadions völlig ausgereicht hätte. Davor sitzt ein Diskjockey der eine Kassette, meist mit Songs aus dem Itsan einschiebt, und im übrigen dafür sorgt, daß die Lautstärke voll aufgedreht bleibt, und vor allem die Bässe nicht zu kurz kommen. Das Ding läuft – mit Ausnahme der Zeit wo die Mönche beten – den ganzen Tag und auch noch die ganze Nacht. Als ich mich gegen Mitternacht nach reichlichen Alkoholverzehr in meine Koje zurückziehe, kann ich kein Auge zumachen. Die dröhnenden Bässe geben mir das Gefühl, daß direkt vor meinen Fenster eine Dampframme Pfähle in den Boden rammt. Als das Ding auf meinen energischen Protest gegen 3 Uhr nachts endlich abgestellt wird, bekomme ich trotzdem nur zwei Stunden Schlaf, denn um 5 Uhr morgens geht es wieder in voller Lautstärke los.

Nun beginnt der zweite Tag der Veranstaltung. Um 7 Uhr morgens rücken die Mönche vom Vortag wieder an. Nachdem die Lautsprecher von der Dauermusik auf den mit einem Mikrofon bewaffneten Obermönch umgeschaltet wurde, beginnt dieser wieder mit endlosen Sprüchen in einer Sprache die keiner versteht. Von Zeit zu Zeit werden aber allgemein bekannte Passagen von der ganzen Gemeinde im Chor wiederholt. Nach dem Obermönch kommt der Reihe nach jeder Mönch mit seinem Sermon an die Reihe; alles wird durch Lautsprecher nach draußen übertragen, so daß das ganze Dorf, soweit nicht schon im Festraum anwesend, alles mitbekommt.

Nach ca. 2 Stunden ist alles durchgestanden. Der Obermönch zündet eine geweihte Kerze an, läßt sie in einen Eimer Wasser abtropfen und beregnet anschließend die ganze Gemeinde reichlich mittels eines Reisigbesens mit geweihtem Wasser..

Nach Beendigung der Feierlichkeit und Überreichung eines 100.- Baht enthaltenen Briefumschlags an jeden Mönch, geht es nun an die Abfütterung der heiligen Männer. Die Frauen haben schon zwei Tage lang gebrutzelt und gebacken, so daß nun alle vorhandenen Töpfe und Pfannen mit den köstlichen Sachen gefüllt sind. Nachdem die Mönche satt und wieder abgezogen sind, beginnt auch die Festversammlung unter reichlichem Alkoholgenuss und natürlich wieder mit voll aufgedrehten Lautsprechern mit dem Gelage. Gegen Mittag beginnen dann die ersten - die ja vergangene Nacht kaum geschlafen haben - schläfrig zu werden und langsam läuft alles auseinander. Der Musikjockey baut seine Anlage ab, und die Familie beginnt mit dem Aufräumen.

Dorfkapelle im Isaan
Dorfkapelle im Isaan
Foto von Günther Ruffert

Rattenjagd

In der kalten Jahreszeit, also Dezember und Januar, kann es im Itsan morgens sehr frisch sein. Morgens sieht man dann überall hinter den Häusern kleine Feuer brennen, und die ganze Familie hockt im Kreis darum herum, um sich zu wärmen. Es ist ein malerischer Anblick, wenn man morgens um 6 – es ist um diese Jahreszeit noch dunkel - aus dem Haus tritt, und sieht die um das Feuer hockenden Gruppen; alle mit Sarong und einer um den Oberkörper geschwungenen Decke oder einem großen Handtuch bekleidet.

Eines morgens, als ich mir gerade eine Tasse Kaffee aufgebrüht habe, um sie in der langsam herauskommenden und wärmenden Morgensonne zu genießen, sitzen ein paar Jungen um solch ein Feuer, und sind damit beschäftigt etwas über dem Feuer zu rösten. Als ich neugierig dazu trete, um zu sehen was sie da treiben, sehe ich, daß sie dabei sind ein paar fetten Ratten das Fell abzusengen. Als mir bei diesem Anblick fast der Morgenkaffe wieder hochkommt, bekomme ich erklärt, daß man nachts in den Feldern auf Rattenjagd war, und jetzt dabei sei die Beute zum Braten vorzubereiten.

Dem Farang, dem sich ob dieses Leckerbissens der Magen umdreht, muß man aber sagen, daß es sich hier nicht um unsere Unrat fressenden Kanalratten handelt, sondern um Feldratten, die sich ausschließlich von Reis und anderen Feldfrüchten ernähren. Sie werden hier so gejagt, wie bei uns die Kaninchen.

Tatsächlich sind Ratten hier bei der Bevölkerung ein Leckerbissen, und stellen eine willkommene Ergänzung der sonst sehr kargen Kost, die oft nur aus Reis, ein paar gerösteten Fischen und kleingestampften Curryschoten besteht dar. Wer selbst nachts keine Ratten jagen kann, der kann sie auch kaufen. Für 20 Baht, also etwa 1 DM.- bekommt man schon eine schöne fette Ratte; ein Spottpreis wenn man bedenkt, was bei uns ein Kaninchen kostet, das auch nicht viel größer ist.

Krabbeltiere

Im Itsan wird alles gegessen was nicht schnell genug weglaufen oder wegfliegen kann. Tiere und Insekten, vor denen wir Farangs normalerweise Abscheu haben und sie nicht anfassen, geschweige denn in den Mund nehmen würden, gelten hier als Leckerbissen. Das gilt nicht nur für die Feldratten, sondern auf den Märkten und am Straßenrand bieten fliegende Händler all das, was wir normalerweise mit der Fliegenklatsche erschlagen oder mit der Spraydose erledigen als Delikatesse an. In Öl frittierte Käfer, Heuschrecken und Larven werden hier genau so geknabbert wie bei uns Popkorn, Chips oder Erdnüsse. Besonders beliebt sind auch gekochte oder gebratene Seidenraupen. Wenn bei uns die Oma von den gekochten Seidenraupen die feinen Seidenfäden abspult, dann sitzen die Kinder daneben und streiten sich um die abgespulten Tierchen, die dann so vernascht werden.

Wenn auch die an der Straße angebotenen frittierten Käfer für uns wie plattgetretene Kakerlaken aussehen, so sind sie doch für die Leute aus dem Itsan ein nahrhafter Leckerbissen. Tatsächlich enthalten die angebotenen Insekten zwei bis dreimal soviel Protein bezogen aufs Körpergewicht als Fleisch oder Fisch, haben aber weniger als den halben Fettgehalt der gebräuchlichen tierischen Produkte. Wenn man es über sich brächte das Krabbelzeug runterzuschlucken, wäre es also die geeignete Diät für den mit Übergewicht belasteten Farang.

Mit der zunehmenden Anwendung von Insektiziden treten allerdings zunehmend Probleme und Gesundheitsgefahren auf. Die thailändische Regierung hat sogar vor dem Verzehr von Heuschrecken gewarnt. Bei dem starken Verbrauch von toxischen Insektenvertilgungsmitteln ist allerdings die Ausbeute in Thailand immer geringer geworden, so daß heute die meisten Tiere aus Kambodscha importiert und dann oft mit der Zusicherung "garantiert frei von Insektiziden" angeboten werden.

Loi Krathong im Isaan
Loi  Krathong im Isaan
Foto von Günther Ruffert

Darlehn und Landpacht

Wenn auf dem Land auch keiner hungern muß - Fische und Ratten gibt es immer zu fangen, und Reis baut man selber an – so ist doch Bargeld immer Mangelware. Die Reisernte reicht oft kaum für die eigene Familie aus, so das nichts zu verkaufen übrig bleibt, und für die im Kanal oder Dorfteich gefangenen kleinen Fische, oder die im Feld erlegten Ratten gibt es auf dem Markt keine Käufer. Was also tun, wenn Bargeld gebraucht wird, etwa um den Sohn in die Stadt auf eine höhere Schule zu schicken, oder wenn Geräte repariert, Dünger oder Treibstoffe gekauft werden müssen. Die Bank gibt keinen Baht Kredit mehr und jährlich sind auch die Zinsen für einen Bankkredit fällig den man vor vielen Jahren einmal aufgenommen hat und wahrscheinlich niemals zurückzahlen kann. Die Bank hat sich die Felder als Sicherheit überschreiben lassen, und wenn bei Fälligkeit die Zinsen nicht gezahlt werden, gehen die Felder in die Verfügungsgewalt der Bank über. Tatsächlich zahlen viele der Bauern Pacht für ihre eigenen Felder, weil der Kreditgeber jetzt darüber verfügt.

Sofern man keine Tochter hat die in Pattaya oder Phuket genug anschafft um Geld nach Hause zu schicken, leiht man es sich von Leuten im Dorf aus die Geld haben. Da gibt es nun zwei Möglichkeiten:

Entweder man leiht sich ein paar Tausend Baht ohne Sicherheiten und muß dafür solange bis man in der Lage ist das Geld zurückzuzahlen – d.h. oft bis zum St. Nimmerleinstag – jährlich je 1000 Baht einen Sack Reis von 80 kg an Zinsen zahlen. Das sind bei einem mittleren Kilopreis von 5 Baht immerhin 400 Baht, also ein Jahreszins von 40%.

Oder aber man gibt für das Darlehn ein Stück Land zur Nutzung durch den Geldgeber, in der Regel für 5 Jahre. Wenn das Geld dann nicht zurückgezahlt werden kann, verlängert sich die zinslose Pacht immer um ein weiteres Jahr. Es versteht sich von selbst, daß der Ertrag den sich der Geldgeber von der Nutzung des Ackers verspricht, auch nicht niedriger als der bereits genannte Zinssatz sein wird.

Eine Mauer wird gebaut

Rings um unser Haus soll eine Umfassungsmauer gebaut werden. Steine, Sand und Zement sind bereits am Vortag angeliefert worden und liegen bereit. 5 Leute aus dem Dorf, die angeben mit solchen Arbeiten vertraut zu sein, werden also für den nächsten Tag zum Mauerbau bestellt. Als um 8 Uhr morgens noch keiner von den fleißigen Handwerkern zu sehen ist, frage ich ungeduldig wo denn die Maurer bleiben. Darauf wird mir klargemacht, daß diese doch erst frühstücken müssen. Langsam trudelt nun einer nach dem anderen ein und um 9 Uhr ist das Team komplett. Das Werk soll also nun beginnen. Zuerst wird aber mal eine halbe Stunde diskutiert, wie denn die Sache am besten anzugehen sei.

Dabei stellt man fest, daß man ja eine Schnur braucht um die Mauer gerade hinzukriegen. Ein Junge wird also losgeschickt um im Dorfkramladen eine Schnur zu kaufen. In diesem Laden ist so ziemlich alles vorrätig was in einem Itsan-Dorf benötigt wird; von Büchsenmilch über Rattenfallen bis zu elektrischen Kabeln und Steckdosen. Als der Junge endlich mit der Schnur ankommt, soll die Schnur gespannt werden, verknäuelt sich aber vollständig beim Abwickeln. Nun sind alle 5 Mann damit beschäftigt die Schnur zu entknäueln. Als man sie endlich richtig gespannt hat, ist es inzwischen Zeit zur Mittagspause geworden.

Dem Farang, dem angesichts solchen Arbeitseifers die Nerven durchgehen wollen, ist aber nur anzuraten "chai jen" ein kühles Herz wie die Thais sagen zu behalten. Er ist schließlich in Thailand, und hier gehen die Uhren nun mal anders.

Nach dem Mittagessen geht die Arbeit aber nun richtig los, und jetzt ist zur Ehrenrettung der fleißigen Arbeiter zu sagen, daß sie auch in der glühenden Nachmittagssonne ohne Pause durcharbeiten. Und schließlich bekommen sie für den ganzen Tag auch nur 100 Baht, das sind etwa 5 DM.- nach deutschem Geld.

Gegen 5 Uhr nachmittags ist aber Schluß für heute, und jetzt wird vom Bauherrn erwartet, daß er eine Flasche Reisschnaps spendiert. Ich ziehe also solange das Werk dauert jeden Abend los, um eine Flasche 40%igen Reisschnaps zu kaufen, die allerdings nur 60 Baht, also etwa 3 DM.- kostet.

Nach einer Woche harter Arbeit ist die etwa 30 m lange und 1,50 m hohe Mauer aber fertig, und wie selbst ich als Mann vom Bau zugeben muß gut gelungen. Insgesamt hat die ganze Geschichte etwa 5000 Baht an Material und etwa 3000 Baht also ca. 400.- DM für Lohn und Schnaps gekostet; für deutsche Verhältnisse ein Spottpreis und alle sind mit dem gelungenen Werk zufrieden.

Eine Hochzeit

Eines morgens werde ich gegen 5 Uhr früh durch dröhnende Discomusik geweckt. Der Krach wird durch eine Riesenlautsprecheranlage erzeugt, die vor dem mindestens 300 m entfernten Haus eines Nachbars steht. Die erzeugte Lautstärke reicht aber aus, um mich beinahe aus dem Bett fallen zu lassen. Auf meine Frage erfahre ich, daß es sich um eine Hochzeit handelt, und das Tschuai und ich dazu eingeladen sind. Beide Elternpaare sind für dortige Verhältnisse wohlhabende Bauern, und so ist eine Hochzeit erster Klasse zu erwarten.

Den ganzen Tag über wird im Hause des Bräutigams bei dröhnenden Lautsprechern gefeiert. Abends gesellen wir uns dazu, überreichen 500 Baht als Hochzeitsgeschenk und setzen uns an einen der vielen im Garten des Hauses aufgestellten Tische. Nun wird laufend alles aufgetragen was gut und teuer ist: knusprig gebratenes Spanferkel, gebratenes Huhn und verschiedene Gemüse und Suppen, dazu Reisschnaps, Bier und Coca-Cola. Aus den Lautsprechern ertönt laufend ohrenbetäubende Musik, so daß man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Auf meine Frage, wo denn die Braut sei, erfahre ich, daß die im Hause des Bräutigams stattfindende Party nur das ist, was wir als Polterabend bezeichnen würden; die Braut hat dabei nichts zu suchen. Gegen Mitternacht verlassen wir, satt gegessen und getrunken die Party, die aber – wie ich an dem Krach der die ganze Nacht über anhält unschwer erkennen kann – bis zum frühen Morgen weiter geht.

Am nächsten Morgen formiert sich nun vor dem Haus des Bräutigams der Hochzeitszug, um zum Haus der Braut im Nachbardorf zu ziehen. Vorneweg eine 10 Mann starke Kapelle, in der Pauken und Trommeln überwiegen. Dann kommt ein Mann der einen großen schwarzen Hahn hochhält. Dahinter der Bräutigam im weißen Hochzeitsornat, geleitet von seinen Freunden. Dann folgt die ganze Hochzeitsgesellschaft, mindestens 100 Personen. Alle, egal ob Mann, Frau oder Kind trotten nicht etwa dahin, sondern legen den ganzen Weg zur Musik der Kapelle tanzend zurück. Vor dem Hause des Bräutigams stehen schon die Hochzeitsgäste aus dem Dorf der Braut, und sperren den Eingang zum Grundstück mit einer Kette ab. Nach einer Reihe vergeblicher Versuche der Freunde des Bräutigams die Kette zu beseitigen, kommt es zur Verhandlung zwischen den beiden Dorfältesten. Einige Geschenke werden überreicht, darunter natürlich die unvermeidlichen Flaschen Reisschnaps und der schwarze Hahn. Daraufhin wird der Zugang freigegeben, und die ganze Gesellschaft läßt sich auf dem Hof vor dem Hause nieder. In der Mitte der weißgekleidete Bräutigam und die beiden Dorfältesten. Jetzt wird zwischen den beiden Dorfältesten über den Brautpreis verhandelt; natürlich nur symbolisch, denn der war ja schon vorher ausgehandelt worden. Als man damit fertig ist, wartet man nun auf die Braut. Die läßt sich eine Viertelstunde Zeit, um dann – als die ganze Hochzeitsgesellschaft immer lauter nach ihr ruft - geleitet von ihren Freundinnen im Hauseingang zu erscheinen. Sie hat ihr Thai-Hochzeitskleid angezogen und sich so wunderschön gemacht, daß ich das Mädchen, das ich vorher schon öfter gesehen habe, zunächst gar nicht wiedererkenne. Nun knien die beiden gegenüber dem Dorfschamanen und den beiden neben ihm hockenden Dorfältesten nieder, und die eigentliche Trauzeremonie beginnt. Nach vielen Gebeten und Segenssprüchen hängt der Bräutigam seiner Braut die unvermeidliche Goldkette um, die Hände des Paares werden mit einer weißen Kordel zusammengebunden und die ganze ringsum hockende Gesellschaft vom Dorfschamanen mittels Reiserbesen mit geweihtem Wasser eingesprüht. Jetzt ist die Zeremonie zu Ende und alle Anwesenden wünschen dem jungen Paar Glück und überreichen die Geldgeschenke. Interessant ist es, das hier die Trauungszeremonie nicht wie ich es aus Thailand gewohnt war durch Mönche, sondern durch den Dorfschamanen und die Dorfältesten vollzogen wird.

Nachdem alle ihre Glückwünsche angebracht und alle Baht-Scheine überreicht wurden, kann nun der gesellige Teil der Veranstaltung beginnen. An den aufgestellten Tischen labt sich die ganze Gesellschaft an Essen und Getränken, natürlich begleitet von ohrenbetäubender Musik, die auch hier aus Riesenlautsprechern ertönt. Dazu wird getanzt, allerdings fast nur von den Frauen, die Männer halten sich lieber an die reichlich vorhandenen Alkoholika. Sie werden übrigens zum Tanzen auch nicht benötigt, da nicht wie bei uns die Paare zusammen, sondern jeder für sich alleine tanzt. Die grazilen Handbewegungen, die beim Thai-Tanz gemacht werden, kriegen die Frauen sowieso besser hin wie die Männer; es sieht auch viel anmutiger aus.

Der Rest der Feier läuft nun so ab, wie am Vorabend im Hause des Bräutigams. Gegen 11 Uhr drängt meine Frau darauf, daß wir die Feier verlassen, denn inzwischen sind einige Männer so angetörnt, daß es mit ziemlicher Sicherheit zwischen den jungen Leuten aus beiden Dörfern zu einer Schlägerei kommen wird. Dem wollen wir uns – bei allem Interesse an einer typischen Itsan-Hochzeitszeremonie - doch nicht aussetzen und kehren also nach Hause zurück.

Ein Nachbar ist gestorben

Eines Nachts werde ich durch eine eintönige und etwas schwermütige Musik geweckt, die aus dem neben meinem Haus stehenden Lautsprecher ertönt. Am Morgen erfahre ich, daß gestern Nacht ein Dorfnachbar gestorben ist. Die eintönige Musik läuft nun über den ganzen Tag und hört erst am nächsten Morgen auf.

Nachmittags komme ich dann am Hause des Verstorbenen vorbei, wo ein par Männer aus alten Brettern – Holz ist hier kostbar – einen Sarg für den Toten zusammennageln.

Am Abend versammelt sich das ganze Dorf beim Hause des Verstorbenen um der Familie ihr Beileid zu bekunden. Jede Familie bringt eine Schale Reis mit, der in einen bereitstehenden Sack geschüttet wird. Dazu ist noch eine Geldspende fällig, der Betrag wird von einem Schriftführer säuberlich mit Namen des Spenders quittiert. Diese genaue Buchhaltung ist bei allen festlichen Angelegenheiten, egal ob Hochzeit oder Beerdigung erforderlich, weil bei jeder Gelegenheit bei der Geld gespendet werden muß - und das ist bei jeder Familienfeier der Fall – die eigene Spende an dem ausgerichtet wird, was die betreffende Familie selbst gegeben hat. Für alle Trauergäste gibt es reichlich Bier und Reisschnaps, so daß es zu vorgerückter Stunde – wie bei uns bei Kaffee und Kuchen nach der Beerdigung – noch eine ganz lustige Veranstaltung wird.

Einen Tag später ist dann die Bestattung. Der Trauerzug geht an unserem Haus vorbei. Vorweg ein paar Mönche in ihren gelben Gewändern; jeder hält eine weiße Kordel in der Hand die am Sarg festgemacht ist. Der mit einem weißen Tuch bedeckte Sarg steht auf einem Karren, der von einem der kleinen, für alle Zwecke einsetzbaren Motorfahrzeug gezogen wird. Die Mönche ziehen also symbolisch den Sarg zum Kloster, wo der Tote dann verbrannt wird.

Im Kloster angekommen geht es zu einem grossen Scheiterhaufen, der hinter dem Kloster aufgeschichtet ist. Der Brettersarg wird auf den Scheiterhaufen gestellt, die Mönche sprechen noch ein paar Gebete und besprühen den Sarg mit geweihtem Wasser und dann zündet der älteste Sohn des Verstorbenen den Scheiterhaufen an.

Während nun der Scheiterhaufen langsam niederbrennt, sitzt die ganze Beerdigungsgesellschaft im Schatten einiger Bäume um das Feuer herum, ißt und trinkt und zockt. Glücksspiele sind zwar in Thailand gesetzlich verboten, aber bei Einäscherungen im Kloster nimmt niemand daran Anstoß. Nachdem der Scheiterhaufen runtergebrannt ist, wird etwas Asche in einem Topf eingesammelt, und mit nach Hause genommen, wo es auf dem Hausaltar steht bis zur endgültigen feierlichen Beisetzung der Urne in einem Chedie auf dem Kloster.

Jetzt kommen noch eine Woche lang jeden Abend um 7 Uhr die Mönche, um den Geist des Toten aus dem Haus zu beten. Da auch dies immer über Lautsprecher übertragen wird, bekommt das ganze Dorf, und ich natürlich auch, alles mit.

Der Ajahn

Das Geister und alles was dazu gehoert im Leben der Thais eine grosse Rolle spielen, duerfte jedem der sich etwas mit dem Lande und seinen Menschen befasst hat klar sein. Fuer den ordnungsgemaessen Verkehr mit der Geisterwelt ist nun in jedem Dorf ein Schamane, der "Ajahn" zustaendig. Bei jeder Gelegenheit wo es wichtig erscheint den Segen der Geister zu erhalten, oder zumindest sich nicht ihren UN-Willen zuzuziehen, ob bei einer Hochzeit, der Geburt eines Kindes, dem Beginn oder der Einweihung eines Hauses, wird der Ajahn gerufen. Der laesst nun eine nach bestimmten, aber keinem ausser ihm bekannten Regeln eine Zeremonie ablaufen. Dabei wechseln sich lange Rezitationen in einer unbekannten Sprache, Sprueche in denen der Segen Buddhas herabgefleht wird, und ein Einspruehen der gesamten anwesenden Gesellschaft mit geweihtem Wasser ab. Auf meine Frage, warum denn die Zeremonie so lange dauert, und er immer wieder von neuem mit seinen Spruechen anfaengt, erklaerte mir unser Dorf-Ajahn – der im uebrigen immer gerne eine Flasche Bier mit mir trinkt – er duerfe schliesslich keinen der anwesenden Geister vergessen, sonst waere der womoeglich boese.

Musik

Die Musik, bzw. die Lieder im Itsan klingen für unsere Ohren wie eine eintönige Litanei auf- und abschwellender Töne, mehr Rezitation als Gesang. Nun gehört zu jedem Fest im Itsan Musik in vollster Lautstärke als wichtigster Bestandteil mit dazu. Das eine Feier bevorsteht erkenne ich immer daran, das schon am Tag vor einem Fest, egal ob Hochzeit oder Mönchsweihe, ein paar Burschen mit einer überdimensionalen Lautsprecheranlage aufkreuzen und sie so vor dem Festhaus aufbauen, dass der möglichst größte Teil des Dorfes beschallt wird. Nachmittags wird dann die Anlage ausprobiert und weil Musik so schön ist, läuft die Anlage in vollstmöglicher Lautstärke bis in die frühen Morgenstunden. Morgens früh um 6 Uhr wird die Anlage wieder aufgedreht und läuft dann ohne Unterbrechung bis tief in die Nacht. Dabei ist es egal, wenn die halbe Dorfbevölkerung nicht schlafen kann, denn so etwas wie Ohropax kennt man hier natürlich nicht. Ich bringe mir immer eine grosse Packung von Deutschland mit, und so kann ich auch die Dorffeste ohne schwerere gesundheitliche Schäden an meinen Hörorganen überstehen. Wenn der Spruch von Wilhelm Busch "Musik wird störend oft empfunden, weil meist sie mit Geräusch verbunden", zutrifft, dann bestimmt für den in einem Itsan Dorf lebenden Farang.

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