baanthai Magazin - Geschichten aus Thailand von Günther Ruffert
Geschichten aus Thailand

von Günther Ruffert

Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand.

Die Polizei dein Freund und Helfer

Obwohl die Einkünfte der Polizisten geringer sind, als die vergleichbarer Angestellten in der privaten Wirtschaft, ist Polizist doch ein sehr begehrter Beruf. Der Staat bietet viele Vergünstigungen, wie die Erstattung von Arzt- und Krankenhauskosten für die ganze Familie, Kindergeld und schließlich eine Rente. Nicht zuletzt bietet sich aber dem Polizisten auch noch die Möglichkeit durch Tee-Geld die schmalen Bezüge aufzubessern.

Dabei muß man sich hüten, die Angelegenheit mit unseren Maßstäben zu messen. Ein einfacher Verkehrspolizist in Bangkok bekommt ein Gehalt von etwa 20000 Baht (ca. 1000 DM) im Monat. Damit muß er nun seine Familie durchbringen, wobei zwar die Nahrungsmittel und auch die Wohnungen allgemein nur etwa halb so teuer sind wie bei uns, andere, nicht in Thailand hergestellte Gebrauchsgüter wie Elektrogeräte, Fahrzeuge, u.s.w. aber meist teurer kommen. Dem Polizisten bleibt also gar nichts anderes übrig, als zu sehen, wie er zusätzlich an ein paar Baht kommt, vor allem wenn er dann auch noch Kinder auf eine schulgeldpflichtige Oberschule schicken will. Und da das Leben insbesondere für Thais nicht nur aus Arbeit, sondern vor allem auch aus Sanuk besteht, will auch das finanziert werden. Hierzu eine kleine Geschichte, die meinem Freund Hans oder - da er vom anderen Ufer ist - auch Hansi genannt, mit der Polizei widerfuhr.

Hansi war als Aussteiger von Deutschland nach Phuket gekommen, hatte sich von dem mitgebrachten Geld zwei Motorräder gekauft und betrieb nun an der Uferstraße in Patong-Beach einen Motorradverleih für Farangs. Da er selbst als Ausländer mit Touristenvisum in Thailand keine Tätigkeit ausüben durfte, lief das Geschäft auf den Namen seines Thai-Freundes mit dem er zusammenlebt.. Wenn nun ein Farang ein Motorrad mieten will, muß er in der Regel seinen Paß oder Führerschein vorlegen, aus dem dann alle Angaben notiert werden, und einen vorgedruckten Mietvertrag unterschreiben. Eines Tages hatte Hansis Thai-Freund nun das beste Stück, eine 250er Suzuki, an einen Thai verliehen, ohne sich irgend etwas zu notieren. Als der Knabe nun, wie gleich zu vermuten war, das Motorrad nicht zurückbrachte, blieb Hansi nichts anderes übrig, als die Maschine bei der Polizei als gestohlen zu melden, ohne viel Hoffnung sie jemals wiederzusehen.

Aber unerwarteterweise erschien nach ein paar Wochen ein Polizist in Hansis Wohnung, um ihm mitzuteilen, daß die gestohlene Maschine aufgefunden worden war und in der zuständigen Polizeistation stand. Am nächsten Tag zog Hansi also mit seinem Kraftfahrzeugbrief und den Kaufunterlagen zur Polizeistation, um sein Eigentum wieder im Empfang zu nehmen. Tatsächlich stand seine Maschine auch dort in einem Schuppen, zwar 10.000 Kilometer älter, aber sonst ziemlich unbeschädigt. Die Polizei hatte sie bei einer Razzia im Zuge einer Rauschgiftfahndung zufällig entdeckt und sie kurzerhand konfisziert, da der Verdächtige den Kauf der Maschine nicht nachweisen konnte. Ein fleißiger Polizist hatte dann beim Vergleich der Motornummer mit der Liste der als gestohlen gemeldeten Fahrzeuge tatsächlich herausgefunden, wem das gute Stück gehörte. Als Hansi nun aber auf der Polizeistation erschien und die Maschine unter Vorlage seiner Unterlagen wieder mitnehmen wollte, belehrte ihn ein freundlicher, einige Worte Englisch sprechender Polizist, daß da erst noch ein Formular auszufüllen sei, natürlich in Thai. Er wollte ihm aber gerne dabei helfen, nur nicht jetzt, sondern erst nach Feierabend.

Hansi, der den guten Rat eines schon besser mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Bekannten, bei der Polizei einfach 3000 Baht auf den Tisch zu legen, als unmoralischen Bestechungsversuch zurückgewiesen hatte, denn schließlich handelte es sich doch nur um sein unbestrittenes Eigentum, merkte jetzt langsam, worauf die Sache hinauslief. Was blieb ihm aber anders übrig, er lud den freundlichen Polizisten also für den Abend in ein von diesem vorgeschlagenes Restaurant ein, um bei einem kleinen Mahl mit Umtrunk die lästigen Formalitäten zu erledigen. Er war allerdings ziemlich überrascht, als er abends merkte, daß es sich bei dem vorgeschlagenen Restaurant um eins der besten und natürlich auch teuersten Häuser am Platz handelte.

Als er in dem Lokal ankam, war der freundliche Polizist noch nicht da, erschien aber ein paar Minuten später, sagte daß er noch mal kurz zur Polizeistation müßte und fragte Hansi höflich, ob er evt. auch noch ein paar Kollegen mitbringen dürfte. Was blieb Hansi also anders übrig als mit saurem Gesicht 'ja' zu sagen, denn er wollte ja schließlich sein Motorrad wiederhaben. Bevor der freundliche Polizist nun ging, um seine Kollegen zu holen, sprach er noch ein paar Worte mit dem Wirt, der Hansi daraufhin in ein leeres Nebenzimmer des Lokals komplimentierte. Langsam schwante Hansi jetzt Schlimmes, er fiel aber fast vom Stuhl, als nach einer Viertelstunde fröhlich 15 Polizisten hereinmarschierten und an seinem Tisch Platz nahmen. Und dann trug der Wirt alles auf was gut und teuer war: Langusten und Krebse, verschiedene Sorten gebratenes Fleisch, Reis und Gemüse und zum Schluß verschiedene Süßspeisen. Getrunken wurde auch kräftig, und zwar nicht der landesübliche Thai-Schnaps, sondern importierter Whisky und ebensolche Biere in großen Flaschen. Es war eine richtig schöne Party, nur nicht für Hansi, der mit Grausen an die Rechnung dachte. Als er den freundlichen Polizisten schüchtern an den ursprünglichen Zweck der fröhlichen Veranstaltung erinnerte, nämlich an das gemeinsame Ausfüllen des Formulars, war dieser der Meinung, daß man sich den schönen Abend doch nicht durch geschäftliche Dinge verderben sollte, das könne man auch noch am nächsten Tag auf der Polizeistation erledigen.

Als zum Schluß endlich die Rechnung kam, belief sie sich auf knapp 20.000 Baht (ca. 1000 DM) Da Hansi soviel Geld natürlich nicht bei sich hatte, erklärte sich der freundliche Polizist aber dem Wirt gegenüber bereit, für Hansi zu bürgen. Er hatte ja schließlich noch das Motorrad als Pfand. Beim Abschied bedankte sich jeder Polizist höflich für die Bewirtung Am nächsten Morgen zog Hansi also zur Bank, plünderte sein Konto, zahlte die Rechnung des fröhlichen Abends und konnte dann, gegen Vorlage der bezahlten Rechnung, nun endlich seine Maschine im Empfang nehmen; von dem bewußten Formular war überhaupt nicht mehr die Rede.

Der Wai

Das ist die graziöse Begrüßungs- oder auch Danksagungsgeste der Thais. Sie wird ausgeführt, indem man die mit den Handflächen zusammengelegten Hände langsam nach oben vor die Brust oder - wenn man besondere Verehrung ausdrücken will - vor das Gesicht führt und dabei den Kopf etwas neigt. Der Wai wird grundsätzlich zuerst von der im Status niederstehenden der höherstehenden Person oder vom Personal eines Restaurants oder Hotels den Gästen gegenüber erwiesen. Der Fremde begegnet dieser schönen Sitte meist zum ersten Male, wenn er eine Maschine der Thai Airways betritt oder in ein gutes Hotel kommt und macht dann als höflicher Mensch oft den kapitalen Fehler, den Wai zurückzugeben.

Für die Entbietung dieses Grußes, bzw. für seine Erwiderung, gelten nämlich in der Thai-Gesellschaft bestimmte Regeln, die ein Farang allerdings doch meistens nicht begreift. So zeigt etwa die Höhe, bis zu der man die Fingerspitzen erhebt, an, welchen sozialen Status man dem anderen zubilligt. Der Wai mit bis zur Stirn erhobenen Fingerspitzen steht nur dem König und den Mönchen zu. Von der rangniederen bzw. der jüngeren Person wird immer erwartet, daß sie den Wai zuerst praktiziert. Wer den Wai falsch praktiziert, läuft immer Gefahr sich lächerlich zu machen. Um sich nun nicht zu blamieren, sollte der Farang beim Wai folgendes beachten:

Zunächst wird man den Wai als erster nur den im Status höher gestellten Leuten entbieten, also z.B. dem Chef, einem hohem Behördenvertreter, einer ehrwürdigen älteren Person (z.B. den Schwiegereltern) oder aber Mönchen, die in der Thai-Gesellschaft, unabhängig von ihrem Lebensalter, für die Zeit in der sie die gelbe Kutte tragen, den höchsten sozialen Status einnehmen. Sogar der König wird einem Mönch den Wai zuerst entbieten, den dieser grundsätzlich nicht zurückgibt.

Bei Kindern und Dienstleistungspersonal erwidert man den Wai grundsätzlich nicht, sondern antwortet lediglich mit einem leichten Kopfnicken. Auf keinen Fall sollte man sich für eine erwiesene Dienstleistung, z.B. beim Hotelpersonal, mit einem Wai bedanken, da sich derjenige nicht nur veralbert fühlen, sondern ihm das auch Unglück bringen würde.

Überhaupt wird der Wai in Thailand viel weniger praktiziert als man als Farang gewöhnlich annimmt. In der vornehmen Gesellschaft von Bangkok mag es vielleicht anders sein, aber auf dem Land werden die Nachbarn höchstens bei feierlichen Anlässen, also z.B. bei der Einladung zu einem Fest, mit dem Wai begrüßt. Kommt man allerdings bei irgendeiner Gelegenheit mit einem Mönch in Kontakt, dann ist der Wai immer angebracht.

Dem Farang der es unternimmt, Thais die er geschäftlich oder privat trifft, mit einem höflichen Wai zu begrüßen, wird es immer wieder passieren, daß der andere versucht, ihm zur Begrüßung nach westlicher Art die Hand zu schütteln, woraus sich dann meist eine ziemlich komische Situation ergibt. Als immer richtige Regel kann man angeben, daß ein Farang - ausgenommen bei verehrungswürdigen Personen - nie zuerst mit dem Wai grüßen sollte. Entbietet der andere zuerst den Wai, dann kann man ihn entweder mit einem etwas schwächeren Wai erwidern oder freundlich leicht mit dem Kopf nicken, beides ist in Ordnung und wird als höfliche Geste aufgefaßt. Auf keinen Fall den Wai zurückgeben darf man an Bedienstete, Kinder oder aber wenn sich ein Thai mit einem Wai für etwas bedankt.

Abzuraten ist auch davor, den Wai mit einer gefüllten Bierflasche in der Hand zu versuchen, eine Situation in die man z. B. bei einer Party oder in einer Bar leicht kommen kann. Je nach Neigung der Flaschenöffnung und Höhe bis zu der man die gefalteten Hände mit der dazwischen festgehaltenen Bierflasche hebt, wird sich der Inhalt entweder in den eigenen Hemdausschnitt oder über die Hose, bzw. den Rock der so freundlich begrüßten Person ergießen.

Der Wai wird nicht nur gegenüber Personen gebraucht, sondern ebenso für alle verehrungswürdigen Objekte, also vor allem Buddha-Standbilder. Wenn man in einem Reisebus sitzt, wird man immer wieder sehen, daß die Thais im Bus durchs Fenster einen Wai machen, wenn der Bus an einem Tempel oder an einem verehrungswürdigen Buddha-Schrein vorbeifährt.

Den Verfall der Sitten in Touristenorten kann man heute auch daran sehen, daß noch vor 10 Jahren, wenn der von Phuket Town zum Hauptstrand, der Patong-Beach fahrende Bus, an einem auf dem höchsten Punkt der Straße gelegenen Buddha-Schrein vorbeifuhr, fast alle Thais im Bus den Wai machten. Heute sind es leider nur noch ein paar, meist die Alten, die im Bus diese Ehrfurchtsgeste entbieten.

Manchmal kann für den armen Touristen diese schöne Sitte aber auch haarsträubend werden, z.B. an der verkehrsreichsten Kreuzung Bangkoks, vor dem Erawan-Schrein, wo die Rotphase der Verkehrsampel manchmal mehr als 10 Minuten dauert. Da kommt es schon mal vor, daß der Taxi- oder Tuk-Tuk - Fahrer vor Umspringen der Ampel auf Rot gerade noch schnell mit quietschenden Reifen auf zwei Rädern um die Kurve jagt und dabei dann beide Hände vom Steuer nimmt, um dem an der Ecke stehenden wundertätigen Standbild des Gottes Brahma einen Wai zu erweisen.

Etwas seltsam mutet es dem Farang auch an, wenn in einer Striptease-Bar auf der Patpong Road, die Mädchen, wenn sie auf die Bühne steigen um sich zu präsentieren, zunächst einen Wai zu dem in der Ecke des Lokals hängenden Hausaltar mit dem Buddha-Standbild machen. Ob sie nun den Buddha um Vergebung für das bitten wollen, was sie im Begriff sind zu tun oder darum, daß er ihnen heute abend einen guten Gast bescheren möge, wissen sie wohl selber nicht genau. Wahrscheinlich wollen sie beides.

Relative Wahrheiten

Thais haben ein erstaunliches Geschick, unangenehmen Dingen möglichst auszuweichen oder, falls das nicht möglich ist, sie einfach zu ignorieren. Das gilt unter anderem auch für den Umgang mit der Wahrheit. Thais lügen nicht etwa, sie sagen nur manchmal nicht die volle Wahrheit und zwar immer dann, wenn sie das Gefühl haben, daß es für sie oder auch den anderen unangenehme Folgen haben könnte. Einen augenblicklich bestehenden Konflikt durch lügen zu lösen ist für Thais eine selbstverständliche Verhaltensweise. Thais leben nur in der Gegenwart, daß eines Tages, wenn die Lüge offenbar wird, der Konflikt noch stärker auftreten wird stört sie dabei überhaupt nicht. Erstens passiert das in der Zukunft und ist daher im Augenblick uninteressant und zweitens wird einem dann schon etwas neues einfallen.

Nun ist zwischen dem knallharten Lügen, also dem, was in den 10 Geboten als Sünde bezeichnet wird und dem 'nicht die volle Wahrheit sagen', ein gewaltiger Unterschied, wie uns unsere eigenen Politiker tagtäglich vorführen. In dieser Grauzone kennen sich die Thais bestens aus, wie vielleicht die folgenden kleinen Beispiele zeigen:

Ein deutscher Monteur sollte eine aus Deutschland auf eine Großbaustelle im Norden Thailands geschickte neue Betonpumpe in Betrieb nehmen. Bei der Ankunft auf der Baustelle mußte er aber feststellen, daß beim Transport ein für die Bedienung wichtiger Anschlußstutzen abgebrochen war. Da das abgebrochene Teil aber noch da war und auch ohne weiters wieder elektrisch angeschweißt werden konnte, ging er in die Werkstatt der Baustelle, sah dort ein nagelneues Elektroschweißgerät stehen und fragte den zuständigen Thai - Schlosser, ob er das abgebrochene Teil wieder anschweißen könne. Dieser bestätigte ihm freundlich, daß das gar kein Problem sei und die kleine Reparatur selbstverständlich erledigt werden könnte.

Als unser Monteur am nächsten Morgen wieder in die Werkstatt kam, war er der Meinung, daß die kleine Arbeit, die keine halbe Stunde in Anspruch nehmen konnte, inzwischen erledigt worden sei. Die Pumpe stand jedoch noch unberührt in der Ecke. Schon vor der Abreise aus Deutschland hatte man den Monteur vorgewarnt, man bräuchte in Thailand viel Geduld, weil dort die Uhren anders laufen. Der gute Mann bat den freundlichen Schlosser also nochmals höflich, die kleine Reparatur doch bald auszuführen, was dieser auch genauso höflich zusagte. Nachdem sich das gleiche Spielchen über ein paar Tage wiederholt hatte - dem Monteur zunächst gar nicht so unangenehm, denn ein paar bezahlte Urlaubstage in Thailand sind ja auch nicht zu verachten - riß ihm doch am Ende der Woche der Geduldsfaden und er wurde grob. Darauf stellte sich heraus, daß die Reparatur überhaupt nicht ausgeführt werden konnte, weil wohl ein nagelneues elektrisches Schweißgerät, aber keine Schweißelektroden auf der Baustelle waren. Die hatte man zwar in Bangkok reklamiert, sie waren aber bislang nicht eingetroffen.

Als daraufhin der Farang dem Thai vorwarf, er habe ihn belogen, antwortete dieser beleidigt, daß er ja nur gefragt worden sei, ob er elektroschweißen könne, und wenn er erst mal die Elektroden hätte, würde er das schon beweisen. Auf die Frage, warum er denn nicht gleich gesagt hätte, daß keine Elektroden da waren, kam die klassische Antwort: 'Zum einen wollte ich dich nicht traurig machen, und zum anderen hätten die Elektroden ja jeden Tag kommen können, dann wäre die Reparatur in ein paar Minuten erledigt gewesen.'

Noch ein anderes Beispiel: Von Zeit zu Zeit kommt ein Familienmitglied zu mir und fragt, ob ich ihm nicht schnell einmal 1.000 Baht leihen könnte. Nun bin ich nicht gerade Millionär, aber wenn ich mich davon überzeugt habe, daß das Geld für einen lebenswichtigen Zweck, wie den Kauf von Material zur Reparatur des durchlässig gewordenen Daches, von Düngemitteln oder von Treibstoff benötigt wird, dann rücke ich schon mal den nach unseren Begriffen meist geringen Betrag unter 100 DM heraus, wobei ich mir dann vollkommen darüber im klaren bin, daß ich das 'geliehene' Geld nie wieder sehen werde, sondern unter dem Konto 'Hilfe für die dritte Welt' abbuchen kann.

Als nun eines Tages der Vater meiner Frau wieder mal kam und von mir 1.000 Baht zum Kauf eines Fasses Diesel zum Betreiben der Bewässerungspumpe und des kleinen Motorpflugs leihen wollte, gab ich ihm das Geld, fragte ihn dann aber, warum er denn immer sagen würde, er wollte das Geld nur leihen, wo er doch genau wüßte, daß er den Betrag nie zurückzahlen kann. Das wäre doch eine glatte Lüge und auch für Buddhisten eine Sünde. Worauf der Vater mir beleidigt erwiderte, daß er mich keineswegs belüge, wenn er sagt, er wollte das Geld wieder zurückzahlen. Schließlich kaufe er ja alle 14 Tage ein Los der staatlichen Lotterie und sollte er dort eines Tages das große Geld gewinnen, würde er mir das Geliehene mit Zins und Zinseszins zurückzahlen. Daß der Lotteriegott ihm bisher nicht gewogen war, sei doch wohl nicht seine Schuld. Er für sein Teil habe es jedenfalls nicht an Opfergaben fehlen lassen.

Diesen etwas opportunistischen Umgang der Thais mit der Wahrheit, trifft man auch beim Umgang mit überirdischen Gesprächspartnern an. Als ich, noch zu Beginn unserer Bekanntschaft, einmal mit meiner Freundin ein Kloster besuchte, war dort gerade eine religiöse Zeremonie zu Gange. Auf einem etwas erhöhten Streifen an der Seite des Gebäudes saß eine Reihe von Mönchen, mit dem Abt am rechten Flügel und ihnen gegenüber saß die andachtsvolle Gemeinde. Da ich so etwas noch nicht gesehen hatte, hockten wir uns auch auf den Boden, Meine Freundin unter die Gemeinde und ich etwas im Hintergrund. Die ganze Zeremonie bestand aus einem Wechselgesang zwischen den Mönchen und der Gemeinde, der sich über eine Stunde hinzog. Verstehen konnte ich natürlich kein Wort; zum einen sprach ich damals noch kaum Thai, zum anderen verwendet die buddhistische Liturgie nicht Thai, sondern Pali, die alte Priestersprache. Mir fiel aber auf, daß am Ende der Veranstaltung die Mönche mehrmals einen kurzen Text vorbeteten, den die Gemeinde dann wortwörtlich wiederholte.

Als ich meine Freundin anschließend fragte, was denn der kurze Wechselgesang am Schluß bedeutet hätte, bei dem die Gemeinde sich nach jedem Satz mit dem Kopf bis auf den Boden verneigte, erklärte sie mir, daß die Mönche die fünf Gebote Buddhas vorgebetet und die Gläubigen versprochen hätten, diese Gebote zu halten. Ich konnte mir daraufhin nicht verkneifen zu bemerken, daß sie dann doch eben mindestens bei einem Gebot gelogen haben müßte. Darauf antwortete sie entrüstet, daß das mitnichten der Fall wäre. Sie hätte zwar versprochen nicht zu töten, nicht zu stehlen u.s.w., beim Keuschheitsgebot hätte sie jedoch den Mund gehalten und somit keineswegs gelogen.

Die Geister

Thais leben mit Geistern. Für sie sind übernatürliche Mächte genau so selbstverständlich ein Teil der sie umgebenden Welt wie Felsen, Bäume und Kanäle. Dieser Geisterglaube und die sich daraus ergebenden Verhaltensweisen und Tabus kollidieren aber keineswegs mit dem Buddhismus, dem doch immerhin etwa 90 % der thailändischen Bevölkerung angehören und der in Thailand Staatsreligion ist. Grundsätzlich sind Buddha und die seine Lehren verbreitenden und praktizierenden Mönche für alles zuständig, was mit den Anstrengungen zu tun hat, im nächsten Leben eine höhere Daseinsstufe zu erringen.

Für das tägliche Leben hingegen, für alles Gute und Böse sowie für das Glück und Unglück, das einem widerfahren kann, ist nicht Buddha zuständig, sondern die uns unsichtbar umgebenden, übernatürlichen Mächte, also kurz gesagt die Geister. Zur Illustration des Geisterglaubens hier eine kleine Story, die typisch für die Denkweise der Thais beim Umgang mit den Geistern ist. Es ist die makaber-lustige Geschichte von Manfreds Geist:

Manfred war ein typischer Aussteiger aus der Gegend von Braunschweig. Er hatte Anfang der 70er Jahre die Heimat auf der Flucht vor Ehefrau oder Finanzamt verlassen und sich mit dem rechtzeitig noch beiseite geschafften Geld eine kleine Bar in dem damals gerade vom Tourismus entdeckten Badeort Pattaya gekauft. Ich habe nun im Laufe der Jahre viele Farangs getroffen, die mit einer ähnlichem Lebensgeschichte wie Manfred eine Kneipe in Thailand aufgemacht haben. In den meisten Fällen waren sie nach ein paar Jahren am Ende und das Geld war futsch. Ob eine Farang-Kneipe in den Touristenzentren längerfristig Erfolg hat, hängt weder von der Ausstattung, noch von den Mädchen hinter der Theke, noch von den Bierpreisen ab. Entscheidend ist, daß es dem Inhaber, hinter oder vor der Theke stehend gelingt, in der Bar eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich der meist im mittleren Alter befindliche Tourist wohlfühlt. Kurz gesagt, eine Stammtischatmosphäre in der Fremde, wo man Kumpels trifft, mit denen man klönen und trinken kann und vor allem mit einem Wirt, der einen schon am zweiten Tag der Bekanntschaft wie einen alten Freund mit dem Vornamen begrüßt.

Solch ein Kerl war Manfred: seine Bar war schon am frühen Nachmittag voll, allerdings war Manfred es auch meistens. Es wurde laufend Chicago gespielt und wer diese schöne Würfelspiel kennt, der weiß, daß alle 5 oder 10 Minuten eine Runde fällig ist. Die Gäste wechselten im Laufe des Abends, Manfred aber blieb. Es ist klar, daß er am frühen Abend, wenn er auch noch kräftig beim Knobeln und Runden vertilgen mithalten konnte, keinen Überblick mehr über das hatte, was in seinem Laden geschäftlich lief. Dafür war nun seine Thai-Frau zuständig: eine stabile, schon etwas angejahrte Dame, mit einigen dicken Goldketten über dem ansehnlichem Busen, die hinter der Kasse thronte und die Bedienung dirigierte. Jedesmal, wenn ich nach ein paar Monaten wieder nach Pattaya kam, war der Goldschatz, den die Dame vor sich her trug, um mindestens eine weitere Kette gewachsen.

Aber eines schönen Tages hatte sie genug von ihrem immer betrunkenen Manfred, oder aber genug Goldketten angesammelt; wahrscheinlich beides. Als ich wieder einmal nach Pattaya kam war sie jedenfalls verschwunden. Von da an ging es mit dem Geschäft bergab. Zwar war der Laden immer noch voll von Gästen, und Manfred animierte und schluckte wie eh und je. Da er aber im täglichen Tran nicht in der Lage war, sein Personal zu kontrollieren, wurde er nach Strich und Faden ausgenommen und bestohlen. Er wäre mit seinem Laden bald am Ende gewesen, wenn nicht ein anderer Farang mit seinem, ebenfalls vor Frau oder Finanzamt geretteten Geld bei ihm mit eingestiegen wäre. Peter, ein baumlanger Schweizer, trank keinen Schluck Alkohol, und so ergänzten sich die beiden bestens. Manfred sorgte für den Umsatz und Peter dafür, daß die Gäste richtig bedient wurden und die Kasse stimmte.

Und von hier an wird die Geschichte makaber. Als ich eines schönen Tages wieder nach Pattaya kam und mich mein erster Weg in Manfreds Kneipe führte, stand nur noch Peter hinter der Theke. Auf meine Frage, wo denn Manfred wäre, meinte er ganz trocken, daß ich den in einem Kühlfach im Leichenschauhaus der nächsten Kreisstadt besichtigen könne, wenn ich ihn denn unbedingt sehen wollte. Dort lag er schon seit über einen Monat, nachdem seine arg strapazierte Leber die weitere Mitarbeit verweigert hatte, und wartete darauf, daß sich die deutsche Botschaft und die verlassene Familie darüber einigten, wer denn nun die Überführungskosten nach Deutschland bezahlen würde.

Nachdem nun alle Anwesenden in stillem Gedenken an den so plötzlich Verschiedenen ein Glas oder auch mehrere geleert hatten, beglückwünschte ich Peter, daß er nun mit seiner Thai-Frau in Manfreds schöne Wohnung einziehen konnte. Über dem Lokal befand sich nämlich eine Wohnung mit Blick aufs Meer und vor allem mit einer kühlen Brise, die nachts durch das offene Fenster hereinwehte. Peter hingegen hatte mit seiner Frau beim Eintritt in das Geschäft eine im hinteren Teil des Hauses gelegene, ursprünglich für das Personal gedachte, stickige und immer unerträglich heiße Kammer beziehen müssen.

Mit dieser Bemerkung hatte ich aber gleich in das richtige Fettnäpfchen getreten. Wütend erklärte mir Peter, daß er selbstverständlich, nachdem die sterbliche Hülle von Manfred den Weg in die Kühltruhe angetreten hatte, seine Sachen aus der Hinterhofkammer in die schöne Wohnung eingeräumt habe, daß sich dann aber seine Frau standhaft geweigert hätte, in der neuen Wohnung zu übernachten, da der Geist des Verstorbenen noch darin weilte. Wenn Peter also nun nicht alleine schlafen wollte - und das wäre ihm bei seiner ansehnlichen Frau schwer gefallen - blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder in die alte Kemenate zu seiner Frau zu ziehen und die schöne Wohnung erst mal leer stehen zu lassen.

Nun hatten Freunde aus Deutschland für Manfred eine Dose eingemachter Hausmacher-Leberwurst mitgebracht, ein begehrter Leckerbissen für jemanden, der schon so lange aus der Heimat weg ist und eine deutsche Spezialität, die in Thailand natürlich nicht zu bekommen war. Da nun der verschiedene Manfred für die Leberwurst keine Verwendung mehr hatte, war Peter als der augenscheinliche Erbe in den Besitz dieser Dose gekommen. Er hatte sie aufgemacht, sich eine köstliche Portion genehmigt und dann die angebrochene Dose im Kühlschrank deponiert, mit der ausdrücklichen Weisung an seine Frau und das gesamte Personal, daß die Wurst ausschließlich für ihn reserviert sei und nicht etwa an die Gäste verfüttert werden dürfe. Um so erstaunter war er, als am nächsten Tag aus der Dose eine tüchtige Portion fehlte. Auf Befragen versicherten ihm seine Frau und das gesamte Thai-Personal, daß sie die fehlende Wurst weder gegessen, noch an Gäste ausgegeben hätten. Als am nächsten Tag nun aber die Dose plötzlich leer war, drehte Peter durch. Er ging zur intensiveren Befragung über und beschuldigte seine Frau ihn belogen zu haben. Diese Beleidigung wollte sie nun nicht auf sich sitzen lassen, und offenbarte den tatsächlichen Sachverhalt. Die Wurst war wirklich weder von den Thais gegessen, noch an Gäste verkauft worden, sondern Peters Frau hatte abends einen Teller mit einer dicken Portion Leberwurst auf die Treppe zu Manfreds Wohnung gestellt, um den Geist von Manfred freundlich zu stimmen und zum Verlassen der Wohnung zu bewegen. Als morgens der Teller leer war - die Wurst war nachts natürlich von den Ratten gefressen worden - war sie sicher, daß Manfreds Geist das Opfer gnädig angenommen hatte. Zur Sicherheit hatte sie aber in der nächsten Nacht die Zeremonie mit dem Rest der Wurst wiederholt.

Als Peter diese Geschichte nach vielen hin und her schließlich rausbekommen hatte, bekam er einen Wutanfall. Da hatten die geistergläubigen Weiber - das Personal der Bar war natürlich mit von der Partie - seine schöne Leberwurst an die Ratten verfüttert. Damit war nun ein handfester Ehekrach da. Seine Frau drohte, daß sie nicht länger mit so einem schlechtem Menschen zusammenleben wollte, der so geizig war, daß er dem Geist seines verstorbenen Freundes nicht mal eine angebrochene Dose Leberwurst gönnte, wo er doch genau wußte, wie gerne Manfred die Wurst gegessen hatte. Und im übrigen hatte sie das ja nur ihrem Mann zuliebe getan, um endlich in die schöne Wohnung einziehen zu können. Was blieb Peter also anders übrig; zur Wiederherstellung des Familien- und Arbeitsfriedens - denn auch alles Personal der Bar war natürlich der gleichen Meinung - mußte er sich entschuldigen und das noch durch den Kauf einer neuen Goldkette für seine Frau bekräftigen.

Damit war die Story aber noch nicht ganz zu Ende. Als Peter diese Geschichte erzählte, saßen wir mit mehreren Deutschen vor der Bar, und fielen vor Lachen natürlich fast vom Hocker. Meine Frau saß, wie sich das so gehört, ein paar Plätze weiter, nuckelte an einer Flasche Cola und fragte mich, worüber wir denn so furchtbar lachten. Aber als ich ihr die Story schließlich mit einiger Mühe übersetzt hatte, wurde sie plötzlich böse. Sie konnte gar nicht verstehen, daß die Farangs sich darüber kaputt lachen konnten, daß Peter dem Geist seines toten Freundes nicht mal ein bißchen Leberwurst gönnte. Sie für ihr Teil würde von jetzt an keinen Fuß mehr in das Lokal eines so abgrundtief schlechten und geizigen Menschen setzen.

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