von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. Gibt es in Thailand Rassismus und Nationalismus ? Diese Frage mag sich schon mancher gestellt haben, der als in Thailand wohnender Farang sich über die offensichtliche Benachteiligung der Ausländer gegenüber Thais bei allen geschäftlichen und finanziellen Angelegenheiten geärgert hat. Um diese Frage zufriedenstellend zu beantworten zu können, muß man sich zunächst einmal über die unterschiedliche Bedeutung dieser Begriffe in Thailand und Deutschland klar werden. Rassismus, das heißt die Doktrin von der Überlegenheit der eigenen Rasse, der Notwendigkeit sie rein zu erhalten, und der daraus abgeleiteten Berechtigung, Menschen anderer Rassen zu unterdrücken oder gar zu liquidieren, war eine der Hauptursachen für den Niedergang Deutschlands, und den Verlust an Ansehen in der zivilisierten Welt nach dem letzten Krieg. Der Begriff des Rassismus ist für uns Deutsche daher absolut negativ belastet, und nur ein paar verrückte Neonazis würden sich heute noch dazu bekennen. Rassismus existierte allerdings nicht nur in der pervertierten Form wie in Nazideutschland. Besondere der englische Kolonialismus rechtfertigte sich durch die Ideologie der Minderwertigkeit anderer Völker, und der Überlegenheit der eigenen weißen Rasse. Den Thai hingegen war ein rassisches Gefühl unbekannt, was zum Beispiel die - im Gegensatz zu den anderen Nationen Südostasiens - relativ gute Integration der Chinesen in Thailand zeigt. Die Thai-Könige waren seit Jahrhunderten Herrscher über eine multi-ethnische Bevölkerung. Ein Drittel der Bevölkerung im Nordosten des Landes ist laotischer oder kambodschanischer Abstammung. Im Süden gibt es eine große malaiische Minderheit, und einige hunderttausend Menschen chinesischer Abstammung bestimmen heute fast das ganze Wirtschaftsleben des Landes. Von Unterdrückung oder gar von Benachteiligung dieser Menschen aus rassischen Gründen gibt es keine Spur. Wenn einige Bergstämme im Norden heute Repressionen ausgesetzt sind, dann steckt dahinter nicht ihre Einschätzung als fremdartige oder minderwertige Rasse, sondern die Tatsache, daß sie durch ihre Anwesenheit die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen dort behindern, und deswegen massiven Geschäftsinteressen im Wege sind. Thais sind also eine multi-ethnische und damit auch multi-kulturelle Gesellschaft. Thailand ist damit allerdings kein Schmelztiegel wie die U.S.A., da hier die verschiedenen Völkerschaften mehr oder weniger in geschlossenen Gebieten siedeln, und ihre kulturellen Eigenheiten weitgehend bewahrt haben. Thais sind also nach deutschen Begriffen bestimmt keine Rassisten. Zwar nahm in einer kurzen Periode der Thai Geschichte, nach der Regierungsübernahme Phibun Songkrams 1938 mit seiner Losung "Thailand den Thai", der Thai-Nationalismus zeitweise auch rassistische Züge an, unter denen insbesondere die Chinesen zu leiden hatten. Doch Phibuns Ideen, was wahrhaft Thai sei, waren eher primitive Kopien des "fortschrittlichen Westens", und gingen an der Realität der Traditionen des Landes völlig vorbei. Im Gegensatz zu seinem großen Vorbild aus Deutschland jener Tage ist Phibun mit seinem Versuch, den Thais rassistische Ideen einzupflanzen, kläglich gescheitert. Etwas anders sieht es mit dem Nationalismus aus. Der deutsche Nationalismus der Hitlerzeit, also das Gefühl anderen Völkern überlegen zu sein, und daraus die Berechtigung abzuleiten, den eigenen Lebensraum auf Kosten der Nachbarvölker auszuweiten, war ebenfalls eine der wesentlichen Ursachen für den Zusammenbruch Deutschlands 1945. Folglich ist auch der Begriff Nationalismus für und Deutsche negativ besetzt. Für die Thais hat der Begriff Nationalismus aber eine andere Bedeutung. Die Thais haben in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit den Nachbarvölkern ihre Unabhängigkeit errungen, und sich im 19 Jahrhundert gegen Versuche westlicher Kolonialmächte verteidigen müssen, auch Thailand wie alle umliegenden Nachbarländer zu kolonialisieren. Daß dies gelungen ist, trotz äußerst starken Druckes und zeitweiser Besetzung Ayuthayas und Bangkoks durch französische Truppen, hat aber ein tief sitzendes Mißtrauen gegen alle Fremden, vom Weltwährungsfond bis zum Farang-Touristen zur Folge, das den Farangs oft als eine Form von Xenophobie oder gar Nationalismus erscheinen mag. . Einem Thai wurde es nie in den Sinn kommen, sein Land in einer Völkergemeinschaft aufgehen zu lassen, wie es zur Zeit in Europa geschieht. Es war vor allem König Rama VI (1910-1925), der mit der politischen Ideologie des Nationalismus den Nationalstolz der Thai zu fördern versuchte. Die Verstärkung des Einheitsbewußtseins der Thai schien ihm ein geeignetes Mittel zu sein, die Souveränität des Landes zu sichern, sowie Anerkennung und Akzeptanz in der internationalen Gemeinschaft zu erleichtern. Der Stärkung des Nationalbewußtseins der Thais wird auch heute offiziell mit allen Mitteln gefördert. Das geht von der täglich mehrmaligen Präsenz des Königs als Nationalsymbol im Fernsehen, dem täglichen Abspielen der Nationalhymne im Fernsehen und Radio (nicht verschämt zum Programmende nach Mitternacht wie bei deutschen Sendern, sondern morgens um 8 und abends um 18 Uhr), bis zur täglichen Flaggenparade mit Absingen der Nationalhymne an allen Schulen. Eine erst vor einigen Jahren gegründete Partei nennt sich "Thai Rak Thai", wörtlich übersetzt "Thais lieben Thais", und ist heute eine der stärksten politischen Kräfte in Thailand. Thais haben also einen ausgeprägten Nationalstolz, wenn es auch viele Dinge in Thailand gibt, die durchaus keinen Anlaß geben, darüber stolz zu sein, wie z. B. die Korruption, die Prostitution, die hohe Rate an Gewaltverbrechen und vor allem die desolate wirtschaftliche Situation des Landes. Thais sehen aber diese Probleme mit ihren Augen, und legen hier grundsätzlich nicht Farang-Maßstäbe an. Die Korruption war seit jeher in Thailand eher eine Institution als ein Übel. Man hält es für selbstverständlich, daß man einem Staatsdiener, der einem bei einer Angelegenheit behilflich ist, eine gewisse Summe dafür zahlt. Auch die Prostitution wird mit anderen Augen gesehen. Für Thais ist an der Prostitution solange nichts schlecht, solange sie Geld und damit finanzielle Kompensation für einen eventuellen Gesichtserlust bringt. Und an der derzeitigen desolaten wirtschaftlichen Lage sind nicht die eigenen unfähigen Politiker, und die nur an ihrem kurzfristigen Profit interessierten Banker, sondern der Weltwährungsfond schuld, der seine Hilfe für das finanziell angeschlagene Land mit harten Auflagen verknüpft hat. Thais leiten aus ihrem Nationalstolz zwar nicht die Berechtigung ab, die Angehörigen fremder Völker zu unterdrücken, wohl aber sie mit lächelndem Gesicht auszunehmen, was jeder Farang im Lande am eigenen Leibe täglich erleben kann. Kommentare |