von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. Wenn man im Wörterbuch nachschlägt, dann wird Sanuk mit Spaß, Vergnügen übersetzt. Für die Menschen in Thailand ist Sanuk aber mehr als nur Spaß, sondern es drückt vielmehr ihre Lebensphilosophie aus. Das heißt nicht etwa, daß sie nur oberflächlich dahinleben, und die Realitäten des Lebens nicht sehen wollen. Sanuk ist vielmehr ein Ausdruck für ihre angeborene Lebensfreude, ohne die das Leben eine eintönige und trostlose Sache wäre. Alle Erfahrungen werden in "Sanuk" und "mai Sanuk" (kein Spaß) eingeteilt. Gut essen, mit Freunden zusammensitzen, einen Film sehen, und natürlich feiern, das ist "Sanuk". Arbeit dagegen ist "mai Sanuk", vor allem wenn sie eintönig ist, und nicht mit Freunden zusammen durchgeführt wird, so daß auch Gelegenheit zu einem Schwätzchen oder Späßchen ist. Sogar bei der Arbeit versucht man daher möglichst in Gruppen zusammen zu arbeiten, um dabei soviel Spaß wie möglich zu haben. Vor allem auf dem Lande, wo es nicht sehr viele Möglichkeiten gibt, sich die Zeit zu vertreiben, lieben die Leute nichts so sehr wie ein fröhliches Beisammensein mit Freunden oder Bekannten, möglichst mit Musik (oder was auch nur entfernt dafür angesehen werden kann), mit Essen und Trinken, und mit der Möglichkeit zu einem Tänzchen. Jede Gelegenheit, ein kleines oder größeres Fest zu feiern wird genutzt, egal ob es eine Hochzeit, ein Geburtstag, eine Mönchsweihe, eine Hauseinweihung oder eine Beerdigung ist. Gefeiert wird nicht etwa nur im Familienkreise, sondern je mehr Nachbarn und Freunde dazu kommen, um so besser. Sobald bei solch einem geselligen Beisammensein Musik vorhanden ist, egal ob vom Kofferradio, oder mit irgend welchen Instrumenten selbst fabriziert, wird getanzt, und zwar der typische thailändische Ram-Wong. Das ist ein Tanz, bei dem sich die Paare nicht berühren, sondern unter graziöser Verdrehung der Hände und Finger einander umtanzen. Den Ram-Wong tanzen nicht nur Paare miteinander, sondern auch Männern mit Männern und Frauen mit Frauen. Die unglaubliche Leichtigkeit der Bewegungen verleitet dann den bei einem solchem Fest anwesenden Farang oft dazu, es auch einmal zu versuchen, vor allem wenn er von netten Mädchen dazu aufgefordert wird. Dabei macht er dann sich unweigerlich zum Affen, wenn er mit der Grazie eines liebeskranken Elefanten eine zierliche Thai umtanzt. Dagegen bin ich immer wieder fasziniert, mit welch graziösen Bewegungen sich selbst dicke Thai-Marktweiber beim Ram-Wong bewegen. Als ich einmal über Weihnachten in Bangkok war, wurde ich zum Heiligen Abend von einem deutschen Bekannten, der in der Soi Cowboy eine Go-Go-Bar betrieb, zu einer Weihnachtsparty in sein Lokal eingeladen. Normalerweise verrenken in solch einem Laden auf einem über der Bartheke befindlichen Laufsteg manchmal 20 Mädchen gleichzeitig in allerknappsten Kostümen zur Unterhaltung der Gäste ihre ansehnlichen Glieder. Zu dem feierlichen Anlaß waren aber nicht nur alle männlichen Gäste mit Schlips und Kragen erschienen, sondern auch die weibliche Besatzung des Etablissements hatten alle ihre besten Thai-Kostüme angelegt. Da es eine private Weihnachtsfeier sein sollte, wurden deutsche Weihnachtslieder vom Band gespielt. Aber Musik ist Musik; die Mädchen konnten dabei nicht ruhig sitzen und fingen alle an den Ram-Wong zu tanzen. Es war schon ein etwas ungewöhnlicher, aber keineswegs unangenehmer Anblick, eine Schar hübscher Mädchen zu den Klängen von 'Herbei oh ihr Gläubigen' auf dem Laufsteg die graziösen Figuren des Ram-Wongs tanzen zu sehen. Diesmal fanden auch die Farangs, es wäre Sanuk gewesen. Ein anderes Beispiel für die Fähigkeit der Thais, aus jeder Situation möglichst viel Spaß herauszuholen, habe ich einmal erlebt, als in einer in der Nähe der Kreisstadt befindlichen Schuhfabrik - ich weiß nicht aus welchem Grunde - gestreikt wurde. Statt der bei uns üblichen Streikposten, die mit grimmigen Gesicht und fröstelnd hochgeschlagenem Kragen den Eingang zum Werk blockieren, hatte die Belegschaft vor dem Tor der Fabrik eine kleine Bühne aufgebaut. Eine Kapelle mit Sängerin machte Musik, die über eine Lautsprecheranlage noch 10 km weiter zu hören war, und nur gelegentlich von Parolen der Streikleitung unterbrochen wurde. Ringsherum tanzte dazu mindestens die halbe streikende Belegschaft, überwiegend Frauen, fröhlich den Ram-Wong . Alle Beteiligten hatten augenscheinlich einen Heidenspaß an der Geschichte - sicherlich mit Ausnahme der Werksleitung. Kommentare |