von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. In Thailand gibt es für alle Kinder, selbst im entlegensten Dorf, die 6 jährige Schulpflicht. Eltern die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, riskieren nach dem Gesetz 5000 Baht Strafe. Das Schulsystem in jedem Lande ist aber ein Teil des Gesellschaftssystems. Es spiegelt die Wertvorstellungen der Gesellschaft - in autoritären Systemen oft auch die Ideologie der herrschenden Partei - wieder, und vermittelt sie an die Kinder. Es ist eine Tatsache, daß das Schulsystem in Thailand schwerfällig und uneffektiv ist, und das ist sicherlich auch der Grund für die Schwerfälligkeit der meisten öffentlichen Institutionen wie Behörden oder Banken. Man ist immer wieder erstaunt über die Probleme, die man hier antrifft, wenn es um etwas geht was nicht alltägliche Routine ist (und das ist meist der Fall, wenn die Angelegenheit einen Farang betrifft). Es ist meist kein schlechter Wille, sondern die Unsicherheit selbständig eine Entscheidung zu treffen. Das Lernen in der Schule ist ganz auf das sture Auswendiglernen von dem was in den Lehrbüchern steht beschränkt. Die Schüler sind es gewohnt, nur Informationen aufzunehmen. Traditionell sind die Schüler aufs 'Kopieren' ausgerichtet. Der Lehrer schreibt etwas an die Tafel, und die Kinder kopieren es ab, ohne zu verstehen, um was es sich handelt. Systematisches, analytisches Denken und kritikfreudige Herangehensweise an Problemen, wie deutsche Schüler es lernen, sind in den meisten thailändischen Schulen unbekannte Begriffe. Die Schüler kommen auch gar nicht auf den Gedanken, daß es für viele Fragen und Probleme nicht nur ein "Falsch" oder "Richtig", sondern auch ein "Sowohl-als-auch" gibt. Der Schüler wird auch nicht dazu ermuntert Fragen zu stellen wenn er etwas nicht versteht. Es steht ihm nicht zu Fragen zu stellen, weil er eben nur ein Schüler ist. Bescheidenheit und Zurückhaltung, Tugenden mit hoher Wertschätzung in Thailand, sind teilweise hierfür verantwortlich. Thais sind normalerweise dazu erzogen, sich nicht in den Mittelpunkt zu stellen, vor allem dann nicht, wenn es bei der anderen, höhergestellten Person Gesichtsverlust verursachen könnte. Können Kinder an den westlichen Schulen dem Lehrer sagen, das hab ich nicht verstanden, so ist das in Thailand aus mehreren Gründen nicht möglich. 1. der Schüler dokumentiert seine eigene Unfähigkeit, und macht sich zum Gespött seiner Mitschüler. 2. die Autorität des Lehrers wird in Frage gestellt. Es steht dem Schüler nicht zu, diese Frage zu stellen, weil er eben nur ein Schüler ist. 3. Von einem Lehrer, dessen Autorität in Frage gestellt wird, wird auch ein hartes Abwehrverhalten erwartet. Kommt dies nicht, verliert der Lehrer sein Gesicht und jeden Respekt der Schüler. Es wird auch keine Zeit darauf verwendet, den Schülern beizubringen selbständig nach Problemlösungen zu suchen, oder ihnen beizubringen wie sie an Informationen kommen, die nicht in ihren Lehrbüchern stehen. Sie haben auch keine Chance, sich außerhalb der Schule über irgend etwas zu informieren. Das Fernsehen versagt in dieser Beziehung völlig, und Zeitungen liest auch niemand. Wenn etwas gelesen wird, dann sind es Comic-Heftchen. Die für die Erziehung in Thailand maßgebenden Leute haben zwar erkannt, daß eine grundlegende Änderung der Lehrinhalte und Lehrmethoden erforderlich ist, um nicht den Anschluß an die Entwicklung der Weltwirtschaft zu verlieren, und man hofft mit Hilfe westlicher Methoden und Lehrbücher Initiative und Leistungswillen bei den Kindern zu steigern. Gleichzeitig versucht man aber, durch Betonung der Besonderheiten und der traditionellen Eigenarten siamesischer Kultur die erzieherischen Werte der "Geordnetheit", des "angemessenen Platzes", der "vertikalen Bindungen" zu erhalten. Dieses Dilemma bleibt aber unlösbar, solange man beides will: Submission sowie produktive Leistung. Man hat als Farang oft den Eindruck, daß die Thais sich bei der Anpassung ihres Schulsystems mit ihrer eigenen Tradition und Kultur im Wege stehen. Bei den Plänen zur Schulreform ist auch der abzusehende Widerstand der Bürokratie und der Lehrerschaft kaum berücksichtigt worden. Nirgendwo auf der Welt kann man absolute Autoritäten, wie es die Lehrer seit Jahrzehnten in der Thai-Gesellschaft sind, davon überzeugen, daß sie auf dem falschen Dampfer sind. Die Schulreform muss bei der Lehrerausbildung beginnen. Dieser Prozeß kann in einer Generation aber nur eingeleitet werden. Wenn die Regierung jetzt verspricht mehr Geld in die Schulen zu stecken, wird das auch nicht viel bringen, denn mit Geld alleine kann man kein Wissen vermitteln. So wird z.B. ein Regierungsprogramm, das vorsieht alle Schulen mit Computern auszurüsten um damit ins Internet zu gelangen wenig nützen, ohne eine zumindest rudimentäre Beherrschung der englischen Sprache. Erst wenn die Möglichkeiten des Internets angewendet werden, um Lehrinhalte auf den Bildschirm zu holen und zu verarbeiten, können die immensen Möglichkeiten die dieses neue Medium für Bildung und Ausbildung bietet wirklich genutzt werden. Das ist aber ohne Beherrschung der Sprache, in der international alle Menüs und Kommandobefehle geschrieben sind kaum möglich. Charakteristisch für die Probleme des Schulsystems in Thailand ist z. B. der Englischunterricht. So haben selbst die Grundschüler in Dorfschulen mindestens 4 Jahre Englischunterricht, ohne danach in der Lage zu sein, einen einzigen Satz in Englisch selbst zu formulieren. Dafür gibt es natürlich seine Gründe. - Das Gehalt der Lehrer - ein Lehrer, der tatsächlich genug englisch kann und schlau ist, geht nach Bangkok, weil er dort als Übersetzer locker das dreifache verdienen kann.
- Da die Lehrer selbst kaum der englischen Sprache mächtig sind, beschränken sie sich darauf, die Kinder ganze Seiten der Lehrbücher abkopieren zu lassen, ohne daß diese eine Chance haben den Inhalt zu verstehen.
- Das Lernen zu Hause - für die Kinder gibt es beispielsweise gar keinen Platz, um Hausaufgaben halbwegs ordentlich zu machen. Kaum eine Familie besitzt einen Tisch, wo man sich mal länger konzentriert hinsetzen kann, und niemand in der Familie ist in der Lage die Hausaufgaben zu kontrollieren.
Nach dem Schulabschluss gibt es in Thailand keine geregelte Berufsausbildung, wie wir sie bei uns kennen. Also eine Lehre in einem Betrieb/Handwerk, mit gleichzeitiger Berufsschulausbildung. Kleine Betriebe lernen die Arbeiter soweit an, daß eine sinnvolle Beschäftigung an Maschinen usw. möglich ist. Größere Firmen bilden junge Leute begrenzt für ein bis zwei im eigenen Betrieb zu erfüllende Arbeitsvorgänge aus. Auch für Bankangestellte wird lediglich eine gewisse Dauer an Schulbildung als Minimum verlangt. Sie machen dann vielleicht noch einige Jahre College-Ausbildung und bewerben sich bei einer Bank über ihre dort schon arbeitenden Angehörigen. Das nötige 'Rüstzeug' wird der Angestellte dann schon mit der Zeit lernen, oder auch nicht so gut. Das merkt man dann, wenn mit einen Vorgang, der bei einer unserer Banken von einem Angestellten in 3 Minuten erledigt wird, bei einer Thai-Bank oft mehrere Angestellte über 30 Minuten beschäftigt sind. Nach dem Negativen aber noch etwas Positives. Trotz der geringen Schulkenntnisse ist man als Farang immer wieder erstaunt, mit welchem Geschick die Leute Dinge angehen die ihnen keiner beigebracht hat. Das betrifft z.B. den Bruder meiner Frau, der obwohl er nie einen Traktor aus der Nähe gesehen hat, mit dem Ungetüm das wir uns für den Zuckerrohranbau angeschafft haben nach ein paar Wochen nicht nur prima zurechtkommt, sondern auch fast alle Reparaturen selbst erledigt. Und das betrifft natürlich auch die Mädchen an den Bars in Pattaya und Phuket, die obwohl sie nicht wissen daß Deutschland in Europa liegt, und wieviel Nullen eine Million hat, schon nach ein paar Tagen Eingewöhnung an der Bar keine Probleme haben, einem Farang mit Hochschulbildung das Fell über die Ohren zu ziehen. Kommentare |