von Günther Ruffert Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand. Songkhran, ist das traditionelle thailändische Neujahrsfest, das drei Tage lang gefeiert wird. Songkhram hingegen ist das thailändische Wort für Krieg. Der eine Begriff bedeutet Freude und Feiern, der andere Begriff bedeutet Leid und Tod. Wenn man die Berichte über das diesjährige Songkhran Fest in den Zeitungen liest, hat man allerdings den Eindruck, dass vielen Thais der kleine sprachliche Unterschied nicht mehr klar ist. Songkhran beginnt laut Kalender am 13. April, und wird in der Regel 3 Tage lang gefeiert. In diesem Jahr waren es sogar offiziell 4 Tage, weil 2 Tage auf ein Wochenende fielen, und deshalb nach guter Thai -Tradition, der Montag noch als offizieller Feiertag dran gehängt wurde. Im Isaan wird das Fest in der Regel sogar eine ganze Woche lang gefeiert.
Nach der Tradition werden an diesem Tag die Eltern geehrt, in dem man ihnen in einer feierlichen Zeremonie die Hände, manchmal auch die Füße wäscht, ihnen mit Segenswünschen etwas Wasser über das Haupt gießt, und ihnen ein Geschenk überreicht. Die Jungen nehmen die Gelegenheit war, sich gegenseitig mit Wasser voll zu spritzen oder zu überschütten. Diese Sitte ist in den letzten Jahren aber immer mehr zu einer allgemeinen Wasserschlacht entartet. Überall an den Strassenecken stehen Kinder und Halbwüchsige mit Schläuchen und Eimern, und überschütten alles was vorbeikommt mit einem Schwall Wasser. Auf den Straßen fahren mit jungen Leuten und Wasserfässern beladene Pickup und LKW auf und ab, und überschütten alles was am Straßenrand steht mit einem kräftigen Guss. In der Kaoh-San Road in Bangkok, und in den Barstraßen von Pattaya und Phuket, beteiligen sich die Farangs mit Begeisterung, und meist ohne Sinn und Verstand an dieser Wasserschlacht. Nun mag es ja gar nicht so unangenehm sein, wenn man bei 40 % Hitze etwas Abkühlung bekommt. Jeder vernünftige Mensch wird sich auch in seiner Kleidung darauf einrichten, und an diesem Tag nicht gerade in seinem besten Anzug auf die Strasse gehen. Die fröhliche Wasserpantscherei ist aber kein Anlass mehr zur Freude, und verliert ihren harmlosen Aspekt, wenn einem mit 50 Sachen daher brausenden Motorradfahrer plötzlich unvermutet ein voller Eimer Wasser ins Gesicht klatscht. Er hat dann alle Chancen, die Gewalt über seine Maschine zu verlieren und im Straßengraben, bzw. anschließend im Hospital zu landen. Das ist dann schon kein Spaß mehr, sondern eher schon gefährliche Körperverletzung, evt. sogar mit Todesfolge. Damit sind wir bei der traurigen Bilanz des letzten Songkhran Festes. Nach unvollständigen Statistiken forderte das Songkhran Wochenende über 700 Tote und über 58.000 Verletzte. An diesen erschreckenden Zahlen sind vor allem Verkehrsunfälle mit ca. 500 Toten und ca. 30.000 Verletzten beteiligt. Bei der Frage nach den Ursachen kommt man nicht umhin, sie in der Thai-Mentalität zu orten. Es sind einige Dinge, die zwar auch in anderen Ländern nicht unbekannt sind, wohl aber in dieser Stärke und Zusammensetzung gerade für Thailand typisch sind: - Die Freude am Sanuk. Thais schöpfen jede Gelegenheit Sanuk zu haben bis zur Neige aus, ohne dabei viel an die Folgen zu denken.
- Der Alkohol. Zu Sanuk gehört ein ordentlicher Schluck. Eine ¾ Liter Flasche des im Isaan gebräuchlichen 40% igen Reisschnaps kostet nur 60 Baht, also nicht einmal 3 DM, und reicht zur Volltrunkenheit völlig aus.
- Die "Mai Pen Rai" Mentalität. Es kommt im Leben vor allem darauf an jetzt Freude zu haben und mit Problemen fertig zu werden. An das was danach eventuell als Folge kommt, verschwendet man keine Gedanken. Genau so wenig Gedanken verschwendet man allerdings auch an die Gesundheit der Mitmenschen.
- Die Verkehrsdisziplin. Thai - Fahrer nehmen die Existenz anderer Verkehrsteilnehmer nur als ärgerliche Tatsache zur Kenntnis. Ein Grossteil der Fahrer hat keinen Führerschein. Warum auch einen Führerschein machen. Im Falle einer Polizeikontrolle ersetzt ein 500 Baht Schein problemlos den Führerschein. Wenn sie aber einen Führerschein besitzen, haben sie zu dessen Erwerb bestenfalls eine rudimentaire Kenntnis der Verkehrszeichen nachweisen müssen. Eine Pflicht zum Besuch einer Fahrschule, mit anschließendem Nachweis der erworbenen Fahrkünste kennt man in Thailand nicht. Es besteht für Motorradfahrer zwar Helmpflicht, auf den Strassen des Isaan, wo ja die meisten tödlichen Unfälle passiert sind, wird man aber nur selten einen Fahrer mit Helm antreffen. Auch die Sitte, die offene Ladefläche eines Pickups mit Personen vollzuladen, die dann im Falle eines Verkehrsunfalls, völlig ungesichert, kaum eine Chance haben mit dem Leben, oder ohne schwere Verletzungen davon zu kommen, ist mit Schuld an der hohen Todesrate.
- Die Uneffektivität der Verkehrspolizei. Da jeder auswärts arbeitende Thai versucht, wenn irgend möglich zu Songkhran nach Hause zu fahren, herrscht zu Songkhran natürlich ein sehr großer Betrieb auf den Strassen. Verkehrsdisziplin ist zugegebenermaßen auch bei uns im wesentlichen eine Folge der Verkehrsgesetze, und der rigorosen Kontrolle ihrer Einhaltung durch die Polizei. Nicht nur die Tatsache, dass man bei Verkehrsverstößen in Thailand in der Regel mit ein paar Hundert Baht Schmiergeld an den kontrollierenden Polizeibeamten davonkommt, sondern auch die mangelhafte Ausbildung und Ausrüstung der Polizei verhindert vor allem hier die immer stärker ansteigende Zahl von Unfällen durch Trunkenheit. Laut "NATION" vom 17. 04. 2001 sind weniger als 50 Prozent der insgesamt 299 ! vorhandenen Atemanalysierungsgeräte in gebrauchsfähigen Zustand, und wie der Leitende Staatsanwalt Phollawan im gleichen Artikel ausführt, fehlt es bei der Verkehrspolizei an Kenntnis darüber, wie Alkoholkontrollen durchzuführen sind.
Die traurige Songkhran Bilanz wurde in den Zeitungen natürlich ausführlich kommentiert. Es fehlte auch nicht an Vorschlägen für einen Bewältigung dieses Problems. So wird nicht nur eine bessere Ausrüstung und Ausbildung der Verkehrspolizei, sondern vor allem eine Veränderung der Mentalität bei der Einhaltung des Alkoholverbots für erforderlich gehalten. Eine typische Thai-Lösung des Problems wird interessanterweise aus Regierungskreisen zur Diskussion gestellt. Man solle doch einfach die Zahl der Feiertage verkürzen. Dann würde auch die Zahl der Toten und Verletzten zu Songkhran zurückgehen. Wer aber Thailand kennt, wird ziemlich sicher sein, dass die Diskussion in wenigen Tagen vergessen ist, und die Probleme im nächsten Jahr eher noch verstärkt auftreten werden. Kommentare |