baanthai Magazin - Status von Günther Ruffert
Status

von Günther Ruffert

Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand.

Die Thai-Gesellschaft ist hierarchisch strukturiert, nicht nur an der Spitze, sondern auf allen Ebenen. Jeder nimmt einen bestimmten Platz in der sozialen Rangordnung ein. Alle Beziehungen werden bestimmt von dem Status der betroffenen Personen, das heißt nach einer Reihenfolge, die den Rang festlegt, der durch Alter, Reichtum, sowie persönliche und politische Macht definiert wird. Beispiele für die statusbestimmte Abhängigkeit sind z.B. Erwachsene – Kinder, Lehrer – Schüler, Chef – Angestellter, Staatsangestellter – einfacher Bürger, oder auch Thai – nicht Thai. Wenn andere Kriterien nicht vorhanden oder erkennbar sind, ist das Alter ein entscheidender Faktor. Der Fremde wird schon nach 2 Minuten Bekanntschaft nach seinen persönlichsten Dingen befragt, z.B. ob er verheiratet ist, wie viele Kinder er hat, was er für einen Beruf hat, und wieviel Geld er monatlich verdient. Es sind aber alles Fragen um seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse zu bestimmen. So vieles auch in Thailand anders sein mag: ein Ingenieur oder ein Arzt ist auch hier ein gebildeter, wohlsituierter Mensch. Ein Bauarbeiter hingegen ein armer Hund. Entgegen der bei uns geltenden Einschätzung von Beamten, ist ein Staatsdiener in Thailand aber zweifelsfrei immer eine Respektsperson. Wenn diese Beziehungen und Abhängigkeiten auch in der übrigen Welt bestehen, so haben sie jedoch in Thailand eine besondere Bedeutung.

Die Karma-Lehre des thailändischen Buddhismus erklärt die hohe oder niedrige Stellung eines Menschen durch die Verdienste und Vergehen in seinen früheren Leben. Soziale Verschiedenheiten werden somit nicht, wie in westlichen Ländern, als Ausdruck einer ungerechten Gesellschaftsordnung aufgefaßt, sondern als die Wirkung einer durchgehenden Gerechtigkeit der Weltordnung. Der Hochgestellte, Mächtige hat sein irdisches Glück und seine Autorität seiner Tugendhaftigkeit und seinen Verdiensten in früheren Existenzen zu verdanken, der ältere Mensch wiederum, der durch viele Taten in seinem (gegenwärtigen) Leben Verdienste angehäuft hat, steht auch in der Karma-Hierarchie höher als der jüngere.. Diese Herleitung der Autorität führt zu einem in sich geschlossenen System, das in kontinuierlicher Staffelung von den alltäglichen Sozialbeziehungen des Dorfes, über die regierenden Schichten bis zum König hinführt. Diese Karma-Lehre verleiht dem Autoritätssystem in Thailand seine Festigkeit. Die Karma-Lehre rechtfertigt nicht nur die Vorrechte der Herrschenden, sondern macht die Stellung jedes einzelnen sinnvoll und verständlich.

Innerhalb dieser Hierarchie läßt sich der Stand des Individuums im Einzelfall relativ leicht bestimmen. Die ersten Phasen einer Konversation zwischen zwei sich bisher unbekannten Thailändern bestehen meist in einem mehr oder weniger taktvollen Versuch, die Statusfaktoren abzuklären, um festzuhalten wer höher oder niedriger an Rang sei: Was arbeitet er, welche Position nimmt er ein, hat er studiert, ist er älter oder jünger, hat er Kinder und wie viele. Sind diese gegenseitigen Verhältnisse abgeklärt, sind Grußformen, Sprechweise, Entschlußrecht und Verantwortungsbereich festgelegt und werden genau so selbstverständlich eingehalten, wie etwa bei uns die Formen höflichen Verhaltens unter gebildeten Menschen. Der im Rang niedriger Stehende (phunoi) begegnet dem Höherstehenden (phuyai) mit einer respektvollen Geste, dem Wai. Dabei gibt es verschiedene Stufen jemanden durch einen Wai seinen Respekt zu zeigen. Sie sind in ihrer symbolischen Bedeutung traditionell festgelegt. Die Form des Wais zeigt an, welchen Status man der Person zuordnet, die den Wai empfängt. Man braucht selbst als Farang gar nicht so viel Erfahrung, um bei der Begegnung zweier Thais feststellen zu können, wer der Ranghöhere und wer der Rangniedrige ist.

Früher lagen Macht und Reichtum ausschließlich bei der Adelsklasse. Seit Thailand aber eine offene Gesellschaft geworden ist, in der das alte Adelsmonopol nur noch beschränkt gilt, ist der Kampf um Macht und Reichtum immer intensiver geworden, und zeigt sich vor allem in der ostentativen Zurschaustellung der entsprechenden Symbole. Da die Thai Wertordnung sich weniger nach persönlichen Verdiensten, sondern nach Rang und Status richtet, ist es deshalb auch untypisch und töricht, seine Stellung bescheiden zu verschweigen. Die Statussymbole müssen gezeigt werden, egal ob es die Orden auf der Schuluniform der Lehrerin, oder die dicke Goldkette am Hals der Marktfrau ist.

Das Einhalten des angemessenen Platzes bedeutet aber nicht nur daß die Formen, sondern auch die Handlungen den Autoritätsverhältnissen angepaßt werden. Dem Höhergestellten stehen immer die Entscheidungen über das, was zu unternehmen ist, und die Bewertung der Handlung zu. Er erwartet, daß Befehle und Anordnungen angenommen und ausgeführt werden. Auch bei uns liebt kein Vorgesetzter den Widerspruch, betrachtet ihn aber als eine sinnvolle Unbequemlichkeit. Für den thailändischen Vorgesetzten dagegen ist der Widerspruch des Untergebenen oder des Jüngeren Ausdruck der Mißachtung seiner Autorität, und damit eine moralische Unmöglichkeit, ihn zu akzeptieren..

Dieses Autoritätsystem, mag auch die Leistungsschwierigkeiten erklären, die man bei vielen Thais antrifft. Es sind kein Mangel der Natur, sondern eine Auswirkung der Kultur, die das Leistungsverhalten in spezifischer Weise formt. Die Erziehung zum Einhalten des angemessenen Platzes reduziert die Leistungsansprüche an den jungen Menschen und gibt ihm die Sicherheit, sich auf den Höhergestellten zu stützen und verlassen zu können. Die Kultur verlangt nicht vom ihm, daß er seine Leistungsfähigkeit an Widerständen messe, sondern sie verlangt vor allem, daß er sich lächelnd und widerspruchslos füge. Dagegen sind Thais in den Fällen, wo der Arbeitsvorgang durch Tradition oder Vorbilder klar umrissen, und wo der Leistungsdruck bzw. der Leistungsanreiz von außen stark genug ist, einsatzbereite und zuverlässige Arbeiter.

Oft werden die Thais bei der Beurteilung ihrer wirtschaftlichen Erfolgs auch mit den Chinesen verglichen. Die Chinesen sind aber weniger aus Anlage tüchtigere Kaufleute als viele Thais, sondern einfach deswegen, weil sie sich auf völlig anderem kulturellen Boden gründen. Ein Thai-Händler, der sich dem Ranghöheren gegenüber respektvoll, dem Rangniedrigeren gegenüber großmütig zu verhalten hat, wird schlechte Geschäfte machen, so daß der Chinese ihm überlegen sein muss.

Thais verknüpfen aber mit der durch das Autoritätssystem gegebenen Abhängigkeit auch Verpflichtungen, gegen die zu verstoßen den guten Sitten widerspricht, und evt. sogar das Gesicht verlieren läßt. Der im Rang niedriger stehende, sollte dem Ranghöheren gegenüber bis zu einem gewissen Grade Gehorsam und Achtung (kreng jai) zeigen. Dagegen hat der Höherstehende die Verpflichtung, sich um den anderen zu kümmern und wenn möglich auch zu helfen. Wenn z.B. einige Leute zusammen im Restaurant sitzen, wird erwartet, daß der jeweils im Rang am höchsten stehende die Rechnung übernimmt (es sei denn es ist ein Farang dabei, von dem dann in jedem Falle erwartet wird, daß er die Zeche bezahlt).

Durch die Globalisierung und durch das selbst im tiefsten Isaan verfügbare Fernsehen, wie auch durch die vermehrten direkten und indirekten Kontakte der Bevölkerung mit dem westlichen Ausland verändert sich aber auch die siamesische Kultur. Die ökonomische Struktur der Gesellschaft wandelt sich durch Technisierung, Industrialisierung und durch Intensivierung des Handels. Die politische Struktur wandelt sich durch die Demokratisierung, die zumindest im Prinzip auch dem einfachen Mann den Aufstieg in die oberen Stufen der sozialen Hierarchie möglich macht. Damit wandelt sich auch die soziale Struktur und auch die absolute Autoritätshörigkeit, Die im vergangenen Jahrzehnten durchgeführten Studentendemonstrationen gegen die politischen Machthaber waren unübersehbare Anzeichen einer Umbewertung der Autorität.

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