baanthai Magazin - Tuk Tuk von Günther Ruffert
Tuk Tuk

von Günther Ruffert

Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand.

Eine für Bangkok typische Art, sozusagen die "Klassiker" unter den Verkehrsmitteln, die lange Zeit das Straßenbild der Stadt prägten, und auch heute noch für den Touristen ein besonders exotisches Fortbewegungsmittel darstellen, sind jene dreirädrigen und etwas wackelig aussehenden Fahrzeuge, die die Thais nach ihrem typischen knatternden Motorengeräusch Tuk-Tuk nennen. Sie werden aber auch Samlor (Dreirad) genannt

Es ist das lauteste Gefährt auf Bangkoks Straßen, aber flink und günstig. Man sitzt nicht gerade bequem und ist ungeschützt gegen Lärm, Abgase und dicht vorbeifahrenden Fahrzeuge. Die Sitzbänke sind schmal und nur wenig gepolstert. Wer den Verkehr Bangkoks aber einmal richtig erleben will, dem sei zumindest einmal die Fahrt in solch einem Vehikel empfohlen, in dem vorne ein meist Formel-I-verdächtiger Thai und hinten ein oder mehrere verängstigte Farangs sitzen. Die Fahrer der Tuk-Tuks sind äußerst geschickt, scheinen auch die kleinsten Gassen zu kennen und sind durch nichts zu erschüttern. Sie zwängen sich durch Verkehrslücken die enger sind als ihre eigenen Außenabmessungen, und erschließen sich im dahinschleichenden Straßenverkehr immer neue Fahrspuren.

Diese knatternde Transportmittel, sind aufgrund ihrer kleinen Größe in der Lage, jede erdenkliche Lücke im Stau auszunutzen und können somit schneller und wendiger als ein Taxi oder Bus jedes Ziel erreichen. Wenn es also auf Tempo ankommt, dann sollte möglichst ein Tuk-Tuk genommen werden. Der Preis muß immer vorher ausgehandelt werden, und hier ist wirklich handeln angebracht, denn die Tuk-Tuk-Fahrer versuchen jeden Farang schamlos auszunehmen. Tuk-Tuks sind als Verkehrsmittel zwar nicht billiger als Taxis, aber man hat 'frische' Luft, da das Gefährt ringsum offen ist und kann dazu noch alle Gefahren des irrsinnigen Bangkoker Straßenverkehrs im wörtlichen Sinne hautnah erleben. Ein böshafter Leserbriefschreiber der Bangkok Post hat einmal angeregt, alle Tuk-Tuks im Bangkoker Zoo in der Abteilung für lebensgefährliche Tiere einzusperren. Aber das ist wahnsinnig übertrieben, ohne Tuk-Tuks wäre Bangkok vor allem um eine Touristenattraktion ärmer. Eigentlich hatten die Stadtplaner vor, die Tuk-Tuk von den Straßen zu verbannen, was sicherlich die Umwelt schonen und die Verkehrssituation etwas auflockern würde. Dies stieß aber auf massiven Protest der Bevölkerung, die auf dieses günstige Transportmittel nicht verzichten wollte

Die Tuk-Tuks werden von großen Gesellschaften auf Tagesbasis an den jeweiligen Fahrer vermietet, der dann zusehen muß, wie es ihm bis zum Abend gelingt, die Mietsumme und ein paar Baht für den Lebensunterhalt seiner Familie einzufahren. Dafür darf er sich dann 12 Stunden auf seinem kaum gefederten Sitz durchschütteln lassen, und die von Autoabgasen verpestete Luft auf Bangkoks Straßen inhalieren. Tuk-Tuks haben keine festen Standplätze, es gibt weder Fahrplan noch feste Abfahrtszeiten sondern die Fahrer kurven unentwegt durch die Straßen, um irgendwo einen Kunden aufzureißen.

Für die technisch interessierten: Die ersten dieser billigen Zweitakter kamen in den fünfziger Jahren aus Japan herüber und formten schnell das Straßenbild Bangkoks. Der Motor sitzt wie bei einem Motorrad unter einer Abdeckung zwischen den Knien des Fahrers, der das Gefährt mit einem breiten verchromten Lenker steuert. Die Höchstgeschwindigkeit liegt über 100 km, ein bei den ständig verstopften Straßen Bangkoks nur theoretischer Wert, dem aber jeder Fahrer, sobald er ein paar Meter freie Strecke vor sich hat, möglichst nahe zu kommen versucht

Wenn diese typischen Gefährte in den letzten Jahren auch stark durch Taxis verdrängt wurden, so werden sie doch nach wie vor allem von drei Gruppen benutzt.

Das sind zum einen die Touristen, die sich an die Angaben in ihren Reiseführer halten, und meinen, sie könnten in solch einem Gefährt billiger an ihr Ziel - meist zu einem berühmten Tempel oder den Königspalast - gelangen, als mit einem regulären Taxi. Sie kriegen dann meist einen Schock, wenn sie hören welchen Preis der Tuk-Tuk Fahrer verlangt. Selbst wenn es Ihnen gelingt, den zuerst geforderten Preis auf die Hälfte herunter zu handeln, ist die Fahrt am Ende doch oft teurer als mit einem Taximeter. Wenn man den Preis solch einer Erlebnistour allerdings mit den Preisen vergleicht, die man auf einer Kirmes für 5 Minuten Rollercoaster Fahrt hinlegen muß, ist die Sache am Ende immer noch preiswert.

Die zweite Gruppe sind die vielen kleinen Straßenverkäufer, die ihre Waren gerne in solchen Gefährten transportieren. Dies vor allem dann, wenn sie wieder mal schnell verschwinden müssen, weil die Polizei eine Razzia auf kopierte Markenartikel macht. Tuk-Tuks sind augenscheinlich das Universaltransportmittel der Thais in Bangkok; vor allem außerhalb des Stadtkerns. Vor allem morgens, wenn die Hausfrauen ihre Einkäufe machen, werden die Märkte von Tuk-Tuks umschwirrt wie ein Blütenfeld von Bienen. Transportiert wird fast alles, ein Tuk-Tuk ist erst dann voll beladen, wenn jeder Winkel gefüllt ist, und gerade die vordere Scheibe noch frei ist. Grenzwerte gibt es nicht. Welche Mengen da manchmal in solch einem kleinen schwankenden Gefährt verstaut werden, wäre durchaus einen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde wert.

Die dritte Gruppe sind Schulkinder, von denen sich manchmal so viele in solch ein Gefährt pressen, daß einem unwillkürlich der Vergleich mit Sardinendosen einfällt.

Wenn ich gesagt habe, daß man überall in den Straßen Bangkoks Tuk-Tuks sieht, dann trifft das genau genommen nur bei schönem Wetter zu. Da kann man kaum ein paar Schritte auf dem Bürgersteig gehen, ohne daß nicht schon eines dieser rollenden Geisterhäuschen neben einem auffährt, und der Fahrer mit dem fröhlichen Kampfruf 'Tuk-Tuk' einem seine gefälligen Dienste anbietet. Sobald der erste Regentropfen fällt, sind diese Gefährte aber wie durch Zauber von den Straßen verschwunden, oder donnern unter Aufwerfen eines riesigen Wasserschwalls an einem vorbei. Gelingt es einem schließlich dennoch, so ein Tuk-Tuk zum Halten zu bringen, dann wird die Zwangssituation in der man sich, ohne Schirm und bei der Hitze nur mit einem dünnen Hemd bekleidet im strömenden Regen stehend, befindet, schamlos ausgenutzt und der zwei- oder dreifache Fahrpreis verlangt.

Man kann natürlich mal das Pech haben, an einen Fahrer zu geraten, der gerade erst aus dem fernen Norden in Bangkok angekommen ist, seine Fahrpraxis mit einem Wasserbüffelgespann erworben hat, kein Wort Englisch spricht und sich in der Riesenstadt Bangkok so gut auskennt wie man selbst in Timbuktu. Dann kann man allerdings interessante Dinge erleben, aber dafür ist man ja in das ferne Thailand gefahren.

Ich stand einmal an der großen Straßenkreuzung vor dem Dusit Thani Hotel, wo die Rotphase manchmal 10 Minuten dauert. Zwei gewichtige Typen - der Sprache nach augenscheinlich Australier - denen die Preise der Hoteltaxis wohl zu teuer waren, enterten mit ihren Koffern solch ein vor der Ampel haltendes schwankendes Gefährt und verlangten, zum Hua-Lamphon Bahnhof gefahren zu werden. Da der Fahrer kein Wort verstanden hatte, und immer nur fröhlich grinsend seine einzigen drei Worte Englisch 'you want girl?' wiederholte, kramte ein Australier schließlich einen Stadtplan heraus, um ihm auf der Karte zu zeigen, wo sie hinwollten. Damit kam der arme Kerl aber nun gar nicht zurecht und blieb lieber bei seinem Angebot 'you want girl?'. Inzwischen hatten sich außer mir, auch eine ganze Reihe interessierter Zuschauer eingefunden, die dem Diskurs zwischen dem Tuk-Tuk Fahrer und den immer nervöser werdenden Farangs zusahen, denen langsam schwante, daß sie ihren Zug verpassen würden. Das ging solange, bis die Ampel auf Grün schaltete, der Tuk-Tuk Fahrer Gas gab und unter Hinterlassung einer schwarzen Abgaswolke mit seinen Opfern davon brauste, aber nicht etwa in Richtung Hauptbahnhof, wie ich als Stadtkundiger sofort sah, sondern geradewegs in Richtung Patpong, dem berühmt-berüchtigten Vergnügungsviertel Bangkoks. Die Aussis werden an diesem Abend mit Sicherheit ihren Zug nicht mehr bekommen, dafür aber vielleicht noch ein paar, vom Reiseplan her nicht vorgesehene, schöne Stunden in Bangkok, der Stadt der Engel verbracht haben.

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