baanthai Magazin - Warum lebe ich im Isaan ? von Günther Ruffert
Warum lebe ich im Isaan ?

von Günther Ruffert

Günther Ruffert ist Autor der Bücher «Geschichten aus Thailand» und «Farang in Thailand», in welchen er auf lockere Weise das Alltagleben beschreibt. Lesen Sie hier die Rezension oder bestellen Sie online: Geschichten aus Thailand, Farang in Thailand.

Wenn die folgenden Zeilen etwas biographisch werden, dann nicht deswegen, weil ich hier mit meiner Lebensbeschreibung langweilen will, sondern weil ich versuchen will zu erklären, warum ich in dieser Region Thailands lebe, und sie zu meiner Wahlheimat gemacht habe. Manche Leute, die meine Bücher oder Geschichten im Internet gelesen haben, können nicht verstehen, was einen Mitteleuropäer veranlassen könnte, sich in solch einer fremden Umgebung wohlzufühlen. Die Meinungen reichen dann von der Frage, ob man denn auf die Dauer - unter den nach unserem Standard doch recht primitiven Lebensbedingungen – dort leben kann, bis zu der Feststellung, daß man lieber in Pattaya das vielfältige Angebot der Restaurants, von deutscher Hausmannskost, über Hamburger und Pizzas, bis zu feinster französischer Küche genießt, als im Isaan Wasser aus der Regentonne zu schlürfen, und sich den Magen mit stinkendem Som-Tam, gebratenen Ratten und gegrillten Käfern zu verderben.

Mein Haus
Mein Haus
Foto von Günther Ruffert

Natürlich kann jeder sein Leben so gestalten, wie es ihm Spaß macht, und wie seine Verhältnisse es ihm erlauben. Es ist durchaus verständlich, daß diejenigen, die nur zu Besuch nach Thailand kommen, in der kurzen Zeit die ihnen zur Verfügung steht, möglichst viel von dem mitnehmen wollen, was ihnen dieses Land an Interessanten und Angenehmen bietet. Die einen wollen Sonne und Meer genießen, die anderen interessieren sich für die Kultur dieses Landes, und sehr, sehr viele begnügen sich mit dem, was ihnen Pattaya und Phuket nach Sonnenuntergang zu bieten haben, also mit Bars und Mädchen.

Aber nicht wenige die dieses Land als Urlauber kennen gelernt haben, denken daran, sich hier für dauernd niederzulassen. Das sind dann die Farangs die man hier allgemein mit dem Begriff "Expats" bezeichnet. Der Ort an dem sie sich in Thailand niederlassen, wird dann von dem bestimmt, was sie hier zu finden erwarten. Wer finanziell noch nicht so abgesichert ist, daß er sein Leben mit Müßiggang verbringen kann, wird versuchen seinen Lebensunterhalt hier zu verdienen, ein Unterfangen, daß nicht sehr einfach und nicht besonders lukrativ sein wird. Es gehört in der Regel ein ausreichendes Kapital dazu, um hier in ein Geschäft – in der Regel ein Dienstleistungsbetrieb für Farangtouristen, wie Restaurant, Bar, Tauchschule u.s.w. – einzusteigen. Wer nicht genügend Geschäftssinn besitzt, und vor allem viel persönliches Engagement in das Geschäft investiert, kann dann seine Investition bald abschreiben und froh sein, wenn er noch soviel Bargeld besitzt, um sich das Rückflugticket zu kaufen. Aus jahrzehntelanger Erfahrung mit solchen Typen, schätze ich die Quote derer, die tatsächlich hier mit ihrem Geschäft zu reüssieren, auf höchstens 1 : 5, oder noch weniger ein.

Kommen wir nun zur zweiten Kategorie der Expats, den Leuten, die durch Rente oder Vermögen finanziell so abgesichert sind, daß sie es nicht mehr nötig haben zu arbeiten. Die meisten dieser Gruppe werden sich in einem der Touristenzentren, also vor allem in Phuket oder Pattaya ein Häuschen oder eine Eigentumswohnung kaufen oder langfristig mieten. Sie leben in diesem Land, daß keinen Winter und keine Kälte kennt, und in dem die Lebenshaltungskosten wesentlich geringer sind als in Deutschland, aber im wesentlichen ihr Leben weiter, daß sie auch zu Hause als Rentner führen würden.

Nun gibt es aber noch eine Gruppe von Expats, zu denen ich mich auch zähle, die wollen auf ihre alten Tage versuchen den Traum zu verwirklichen, den doch wohl fast jeder mal geträumt hat : auszusteigen, und in exotischer Umgebung zu leben. Daß dabei der Traum, a la Gauguin unter Palmen am Stand zu liegen, und sich von barbusigen Südseeschönheiten verwöhnen zu lassen, eben nicht mehr als ein Traum ist, wird jeder bald feststellen. Was aber realisierbar ist, ist durch den weitgehenden Wechsel der Lebensumstände, in denen man den größten Teil seines Lebens verbracht hat, und das weitgehende Eintauchen in eine Kultur, die sich von der Kultur in der man bisher gelebt hat fundamental unterscheidet, neue Energien und Lebensfreude zu gewinnen. Es ist selbstverständlich, daß man, um dabei zurecht zu kommen, einiges investieren muss. Ich denke dabei nicht unbedingt an Geld, sondern an das Bemühen die fremde Sprache zu erlernen und sich vor allem nicht darauf zu versteifen, alles was nach unserer Meinung schlechter ist als zu Hause umzukrempeln. Statt dessen sollte man versuchen, dem Lebensstil der eingeborenen Bevölkerung die guten Seiten abzugewinnen, die einem selbst zu einem ruhigen und zufriedenem Leben verhelfen können.

Ich habe in meinem Berufsleben als Leiter einer Spezialbaufirma fast die meisten größeren Länder der Erde besucht, entweder weil wir dort arbeiteten, oder weil ich als Mitglied von Fachausschüssen und als Kongreßbesucher dorthin eingeladen war. Dabei habe ich natürlich immer auf Kosten der Firma in erstklassigen Hotels gewohnt, die sich – vom Sheraton bis zum Holiday Inn – in jedem Land der Welt so gleich sind wie ein Ei dem anderen, so daß man wirklich erst vor die Tür gehen mußte um festzustellen, daß man in einem anderen Land war. Auch die Annehmlichkeiten einer solchen Stellung, vom Dienstwagen-Mercedes, bis zur Sekretärin die einen umsorgt, habe ich durchaus als angenehm empfunden. Vielleicht gerade deswegen habe ich versucht, mit meinem Ausscheiden aus der Stellung auch meinen Lebensstil und meine Umgebung zu verändern. Statt des täglichem Streß, nun Ruhe und Zeit zur Besinnung. Statt der Bekannten, die immer nur über Börsenkurse und über Fußball reden, nun mit Menschen zusammen leben, denen die Notwendigkeiten des täglichen Lebens zwar wichtig sind, die aber darüber keineswegs die Freude am Leben versäumen. Statt dem Luxus den wir als Westeuropäer für unbedingt lebensnotwendig halten, nun ein einfaches, und auf das wirklich Notwendige beschränktes Leben.

Das ist es, was ich vor allem hier in meinem kleinen Dorf im Isaan gefunden habe. Ich habe lange genug in Bangkok, in Phuket und in Pattaya verbracht, um zu verstehen, daß viele Farangs dort von der krassen Geldgier, und der rücksichtslosen Mißachtung all dessen, was auch in Thailand als anständig und moralisch gilt abgestoßen sind. Es ist aber ein Fehler nun zu folgern – nur weil die Menschen mit denen sie dort diese negativen Erfahrungen machen aus dem Isaan sind – daß dies der Lebensstil im Isaan ist, oder daß dem Farang auf dem flachen Land im Isaan so entgegengekommen wird, wie in Pattaya. Die Menschen bei mir im Dorf sind zwar arm, aber ich habe noch nie eine Äußerung des Neides über den – nach ihren Begriffen – reichen Farang, bzw. seine Frau gehört. Ich bemühe mich aber auch, den Menschen mit denen ich hier täglich zusammen komme gegenüber nicht mit meinem Geld zu protzen, oder mit meinem überlegendem Wissen von der Welt zu imponieren. Mit meinen Kenntnissen, mit denen ich in Deutschland mein Geld verdient habe, könnte ich ihnen sowieso nicht imponieren. Jeder meiner Nachbarn hat mehr Kenntnis der Dinge die zum Überleben unter diesen Verhältnissen erforderlich sind als ich, ohne daß sie den dummen Farang deswegen geringer einschätzen.

Eines der größten Probleme für jeden Pensionär - vor allem wenn er in leitender Stellung tätig war - ist die plötzliche Leere, das Gefühl nichts mehr bewegen zu können, und nicht mehr gebraucht zu werden. Wenn man nicht zum Eremiten geboren ist, dem die Betrachtung des eigenen Nabels ausreicht, wird man versuchen sich mit etwas mehr oder weniger sinnvollen zu beschäftigen. Ein Bekannter von mir hat sich z.B. in Deutschland eine Jagd gepachtet, und findet seine Befriedigung darin, arme Rehe und Wildschweine totzuschießen. Ein Anderer verbringt seine Zeit damit auf Musikdampfern durch die Welt zu reisen.

Mir fiel hier in meiner Gegend im Isaan auf, daß die Bauern nur einen Teil der Felder zum traditionellen Reisanbau, der einzigen Einkunftsquelle hier benutzen können. Weil das Land etwas hügelig ist, bleibt auf dem höher gelegenem Boden kein Wasser stehen, und somit ist dort auch kein Reisanbau möglich. Die Felder liegen meistens brach, weil mit Ausnahme von Zuckerrohr kaum etwas anderes dort wirtschaftlich angebaut werden kann. Der Anbau von Zuckerrohr erfordert aber einen gewissen Kapitaleinsatz, weil man erst einmal 2 Jahre lang nicht unbeträchtliche Summen in die Urbarmachung des Bodens, Pflanzgut, Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel u.s.w. investieren muss, bis die Geschichte anfängt sich zu rentieren.

Das Kapital hatte niemand im Dorf, für den Farang waren es aber nicht so gewaltige Beträge die hier erforderlich waren. Wir begannen also mit der Familie meiner Frau zunächst im kleineren Rahmen Zuckerrohr auf gepachteten Feldern anzubauen, und da sich die Sache ganz gut anließ, kamen jedes Jahr ein paar Felder dazu. Die Leute im Dorf waren es sehr zufrieden, denn zum einen bekamen sie eine, wenn auch bescheidene Pacht für ihr ungenützes Brachland, zum anderen war nun auch außerhalb der Reisernte die Möglichkeit gegeben, hier im Dorf etwas Geld zu verdienen. Das Pflanzen, Unkrautjäten, Zuckerrohrschneiden ist nämlich eine ziemlich arbeitsaufwendige Sache, und manchmal ist das halbe Dorf damit beschäftigt. Ich arbeite natürlich nicht selber mit, zum einen würde ich bei den Klimabedingungen kaum eine Stunde in der Gluthitze auf den Feldern durchhalten, zum anderen besitze ich auch keine Arbeitsgenehmigung. Es macht mir aber wirklich Spaß, und schafft mir auch Befriedigung, hier etwas aufzubauen und wachsen zu sehen, was ohne mich und mein Geld nicht da gewesen wäre.

Farang hilft bei der Reisernte
Farang hilft bei der Reisernte
Foto von Günther Ruffert

Da ich aber mit dem Zuschauen nicht ausgelastet war, suchte ich mir noch etwas anderes zur Beschäftigung. Da bot es sich an, an der Schule hier im Dorf etwas mit Englischunterricht auszuhelfen. Die Kinder bekommen hier in der Grundschule 3 – 4 Jahre Englischunterricht, sind aber wegen des uneffektiven Lehrplans, und wegen der Tatsache, daß die Lehrer selbst kaum Englisch können, selbst nach vier Jahren nicht in der Lage, einen einfachen Satz in englischer Sprache zu formulieren. Vor allem beschränken sich ihre minimalen Vokabelkenntnisse auf das Lesen, und etwas Schreiben. Sie trauen sich aber nicht, englisch zu sprechen. Ich gebe also nun den 3 Oberklassen hier an der Dorfschule einmal in der Woche eine Stunde Sprechunterricht und versuche ohne Lehrplan und Buch ihnen die wichtigsten Sätze beizubringen, die man in einer fremden Sprache braucht. Die Kinder waren zuerst sehr scheu, als das Eis aber mal gebrochen war, mit zunehmender Freude bei der Sache.

Ich habe versucht, hier denjenigen meiner Freunde die es interessiert zu erklären, warum ich mich hier so wohl fühle. Einen wichtigen Grund habe ich allerdings noch nicht erwähnt. Das ist meine Frau, die mich hier in ihr Heimatdorf gebracht hat, und mit der ich – auch wenn mir ihre Thai-Mentalität, vor allem in geschäftlichen Dingen, manchmal gegen den Strich geht - doch sehr zufrieden und harmonisch zusammenlebe. Ein wichtiger Punkt bei all dem, der sicherlich nicht für jeden zutrifft, ist der Umstand, daß ich auf meine alten Tage nicht mehr darauf angewiesen bin Geld zu verdienen, oder mein investiertes Geld zurückzubekommen. Das was ich hier mit meiner Frau aufgebaut habe, soll vor allem ihre Zukunft sicherstellen, wenn ich einmal die Augen für immer zumache.

Damit auch dieses klar ist : Ich mache das nicht etwa um mich als Gutmensch zu profilieren, oder um nach buddhistischem Glauben Verdienste für das nächste Leben zu erwerben. All das was ich hier beschrieben habe, mache ich weil es mir selber Freude und Befriedigung verschafft, und das ist doch wohl das Wichtigste worauf es im Leben ankommt.

Kommentar anzeigen / erfassenKommentare
  • Alles anzeigen - Pira Sudham- ein Landeskind beschreibt das Leben in Isaan, ( 05.01.2006 11:45:37 Antworten: 0)

  • Alles anzeigen - Meine erste Reise nach Thailand ( 21.07.2005 12:45:08 Antworten: 0)

  • Besuchen Sie auch Deutsch-Thai Wörterbuch Thaibuch.De Thailand Fotos Phuut Thai .NET Sudoku
    © 2006 und Anbieter · Hans Möller · Büttgenweg 12 · 40547 Düsseldorf · info @ phuutthai.net