baanthai Magazin - Immobilienerwerb in Thailand von von Dr. Paul Strunk
Thailand in der Krise

- Chancen für die deutsche Industrie -

von Dr. Paul Strunk

Rechtsanwalt/Hauptgeschäftsführer

Deutsch-Thailändische Handelskammer

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei Ländern sind Spiegelbild der Wirtschaften beider Länder und der Beziehungen der Wirtschaften dieser beider Länder zueinander. Letzteres wird geprägt von der Affektion der Menschen und Wirtschaftenden der beiden Länder zueinander und natürlich auch von den - im Wettbewerb stehenden - beidseitigen Wirtschaftsbeziehungen mit anderen Ländern. Mit anderen Worten: eine höchst komplexe Situation.

Die heutige Betrachtung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Thailand und Deutschland ist von besonderem Reiz. Warum? Weil sie erstmals seit Menschengedenken Anteil nimmt an einem staatsbedrohenden Krisengeschehen, nämlich in Thailand, und wir Zuschauer sind und Zeugen des Einflusses der Krise auf die Beziehungen. Liebgewonnene Trends von Statistiken verschwinden und wandeln sich ins Gegenteil. Bislang brachliegende Handels- und Servicebereiche werden plötzlich nachgefragt und wachsen; Chancen für ein unternehmerisches Engagement fallen vom Himmel wie Sternschnuppen in einer Wunderwelt.

Diese neue Wirtschaftskonstellation aufzuzeigen, ist ureigenste Aufgabe aller Wirtschaftsförderstellen, vorweg - in diesem Fall - der Deutsch-Thailändischen Handelskammer. Die Umsetzung in Projekte ist Sache der Unternehmer, der thailändischen sowie der deutschen.

Interesse und Wille zur Zusammenarbeit war auf thailändischer Seite nie so stark wie jetzt. Wen wundert’s!

Größte Finanznöte der Betriebe, fehlendes technisches Wissen zur Designverbesserung und Qualitätssteigerung, Ineffizienz und niedrige Produktivität trotz erheblich gestiegener Stückkosten. Bis zum 02.07.1997, dem Tag der Freigabe der Wechselkurse, war der thailändische Unternehmer im Grunde "nur" auf ausländische Technologie angewiesen. Jetzt fehlt ihm auch das Geld zu notwendigen Investitionen in Maschinenpark und Ausbildung des technischen und kaufmännischen Personals. Angesichts der traditionellen Bewunderung und Zuneigung thailändischer Geschäftsleute zu deutscher Technologie und Produktion ist es nicht verwunderlich, daß der thailändische Geschäftsmann jetzt, in der Krise, in besonderem Maße nach Geschäften mit deutschen Unternehmen Ausschau hält. Hinzukommt, daß die Besuche des Bundesaußenministers, des Bundesfinanzministers sowie hochrangiger Delegationen anderer Ministerien und von Kreditinstituten - KfW - und dabei gemachte großzügige Streckungs- und Zinsbefreiungszusagen weiteren Good-Will für Deutschland und "Made in Germany" geschaffen haben. Und die sich daraus ergebenden Good-Will Effekte müssen Sie, die deutschen Unternehmer, zu Ihrem Vorteil nutzen.

Winkt deutschen Unternehmen nicht anderswo genügend gutes Geschäft? Haben deutsche Unternehmer denn überhaupt z.Zt. Interesse, sich in einem Krisenland wie Thailand zu engagieren?

Es hat sich in dem letzten Jahr wieder einmal bewahrheitet, was Lehrbücher des Management seit langem vorbeten: Politische Instabilität ist einer der relevantesten Faktoren, der sich negativ, natürlich auf Investitionen, aber auch auf Handel auswirkt.

Das kann bis zum völligen Stillstand und Nullwert beim Handel und sogar zum Abzug von Geldern bei Investitionen führen.

Thailands politische Führung war spätestens mit Beginn der Banharn Regierung im Juli 1995 unfähig, das Land angemessen zu führen. Ein veraltetes Wahlsystem hatte es - wieder einmal - möglich gemacht, daß diejenigen an die Regierung kamen, die am geschicktesten und in höchstem Maße Stimmenkauf betrieben hatten. Schon nach 16 Monaten mußten Neuwahlen durchgeführt werden, die die sich an Unfähigkeit von der vorherigen Regierung wenig unterscheidende Chavalit Regierung im November 1996 an die Macht brachten. Unter dem Druck der sich entladenden Finanzkrise beugte sich Chavalit schon nach 10 Monaten der Forderung nach einer neuen modernen, Stimmenkauf bekämpfenden und Individualrechte betonenden Volksverfassung. Die neue Verfassung vom September 1997 setzte das ganze verderbte politische Leben auf eine neue Basis: Ein erster ganz wichtiger Schritt für einen politischen Neuanfang!

Die ohne Neuwahlen im November 1997 an die Macht gekommene derzeitige Regierung Chuan Leekpai entstand gewissermaßen aus einem Notstand heraus. Es war die einzige Möglichkeit, dem von der Krise geschockten Land Ende 1997 eine Regierung zu geben, die an den entscheidenden Stellen aus Fachleuten bestand. Nur die katastrophale Finanz- und Wirtschaftslage hat es möglich gemacht, daß Thailand z.Zt. die fähigste Regierung hat, die unter den gegebenen Umständen möglich war. Und die Ergebnisse der derzeitigen Regierung können sich sehen lassen. Thailand ist zum Musterschüler des IMF geworden.

Europa und Amerika zollen Thailand für das in nur 5 Monaten Erreichte großes Lob: fünf aufeinanderfolgende Monate Handels - und Leistungsbilanzüberschuß, Inflationsrate von nur 7,7 % in 1997, Exportwachstum in 1997 von 28 % (in Baht; 1.807 Milliarden Baht) und 4.5% (in US$; 58,5 Milliarden US$).

Neben der jetzt erreichten politischen Stabilität beginnt sich ein weiterer wichtiger Indikator zu stabilisieren: der Wechselkurs. Im letzten Jahr hat sich auch gezeigt, daß stark fluktuierende Wechselkurse für jegliches Wirtschaften von äußerst negativem Einfluß sind. Nicht nur ausländische Investoren, sondern auch ausländische Käufer halten sich zurück, solange sie hoffen können, daß sich der Wechselkurs demnächst zu ihren Gunsten verändern wird.

In den letzten Wochen hat der thailändische Baht eine durchaus ansehnliche Stärkung gegenüber DM und US $ durchgemacht. Stand er Mitte Februar noch bei 26 Bt/DM und 48 Bt/US $, so war er Ende März bereits bei 20 Bt/DM und 38 Bt/US $ angelangt.

Dennoch: Das Jahr 1998 wird eines der schwersten in der neueren Wirtschaftsgeschichte Thailands. War 1997 das Jahr von "Pao Lohk" (die falsche Verbrennung des Toten, die für die Gäste), so wird 1998 zum Jahr von "Pao Jing" (die echte Verbrennung, die für die Familienangehörigen). Hunderte, ja Tausende Unternehmen werden schließen müssen; 1997 waren es ca. 500 Unternehmen. Für Ende 1998 wird mit 1.8 Mio. Arbeitslosen gerechnet (ca. 5 % der Arbeitsfähigen). Die Schulden sind zu hoch, die Kosten lassen sich von der schwachen Nachfrage nicht abdecken. Wertberichtigungen für nicht eintreibbare Forderungen sind spätestens in der Bilanz 1998 unausweichlich. Auch wird in der zweiten Jahreshälfte der Zeitpunkt gekommen sein, daß die bislang nicht verkauften - fertigen und unfertigen - Immobilien auf dem Markt angeboten werden, falls erforderlich im Wege der Auktion.

Dies wird endlich die unrealistische Wertestruktur im thailändischen Immobilienwesen auf eine neue Realität zurückführen.

Und dann erst sind die Voraussetzungen für neues Geschäft und einen echten Aufschwung gegeben.

Das wird nach meiner Schätzung zu Beginn des Jahres 1999 sein. Dann wird auch das Wirtschaftswachstum im Land wieder positive Zahlen schreiben.

Heißt das nun für den deutschen Unternehmer, das Thailandgeschäft für ein Jahr ad acta zu legen? Die Antwort ist natürlich nein. Deutsche Unternehmen haben 1997 stark in Thailand investiert. Allein vom Board of Investment wurden 22 deutsche Investitionsanträge mit deutschem Investitionswert von DM 223 Mio. von Januar bis November 1997 genehmigt. Natürlich stammen diese Anträge aus dem Jahr 1996, also aus der Zeit vor der Krise. Es sind auch im wesentlichen zwei Großprojekte, aus denen sich die Investitionssumme ergibt, und zwar ein Projekt im Chemiebereich und eines im Baubereich. Das Investitionsvolumen Deutschlands in Thailand wird 1998 folglich zurückgehen. Aber es ist zu erwarten, daß deutsche Unternehmen die derzeitigen Chancen nutzen und jetzt ihre Investitionsentscheidungen treffen; das wird sich dann in den Investitionszahlen für 1999 in barer Münze niederschlagen.

Was sind denn nun die derzeitigen Chancen der Krise für den deutschen Unternehmer:

Ad 1: Der thailändische Baht ist weiterhin gegenüber der DM unterbewertet. Ein Verhältnis 1:20 oder 1:22 dürfte ein realistischer Wert für das Jahresende sein. Beim Dollar geht die Regierung von 1:35 bis 1:40 als erstrebenswert und realistisch für das Jahresende aus.

Ad 2: Liquiditätsengpässe bei thailändischen Firmen machen die Suche nach ausländischen Finanzgebern zum Gebot der Stunde. Da inländische Finanzquellen wegen exorbitanter Zinsen (17 % und mehr) nicht in Frage kommen und ausländische Darlehen z.Zt. kann an thailändische Geschäftsleute vergeben werden, ist der ausländische Investor sowohl als Equity- als auch als Darlehensgeber die einzige verbleibende Lösung.

Ad 3: Thailand ist für den deutschen Unternehmer auch wieder ein Billigland geworden. Grundstücks- und Immobilienpreise sind bereits seit Mitte 1997 um ca. 30 % gefallen. Es wird angenommen, daß sie bis Ende 1998 weiter um ca. 20 % fallen werden. Mit Beginn 1999 werden die Preise wegen neuer Nachfrage und des Fehlens neuer Fertigstellungen wieder anziehen. Z.Zt. gibt es keine Großstadt in Asien, wo der Quadratmeter für Büroraum so preisgünstig zu haben ist, wie in Bangkok. Auch die Lohnkosten haben durch die effektive Abwertung des Baht und die zurückgegangene Nachfrage nach Arbeit erheblich nachgegeben. So ist ein ungelernter Arbeiter im Raum Bangkok wieder für DM 7.50/Tag zu haben.

Ad 4: Die Investitionsbedingungen werden von der Regierung weiter erheblich liberalisiert werden und damit für den ausländischen Investor noch attraktiver. Nach der Sommerpause wird das Ausländerinvestitionsgesetz geändert und die entsprechende Gesetzesfassung vom Parlament verabschiedet. Neue wichtige Industrie-, Handels- und Servicebereiche werden für ausländische Unternehmen erlaubt werden, d.h. für Ausländern gehörende thailändische Unternehmen, in denen der ausländische Anteil höher als 49 % ist. Wir Ausländer hätten uns alle eine radikalere Lösung mit einem völlig neuen "Foreign Investment Promotion Law" gewünscht.

Aber wunschloses Glück ist nur wenigen auf dieser Welt vergönnt und Thailands derzeitige Regierung muß in einer derart kritischen Situation sehr sorgfältig zwischen den konservativen und modernen, aufgeschlossenen Kräften des Landes balancieren.

Ad 5: Dem deutschen Unternehmer wird von thailändischer Seite Achtung gezollt.

Er ist in ihren Augen nicht nur in der Lage, ein Qualitätsprodukt von langer Lebensdauer herzustellen. Ihm wird darüberhinaus Kompetenz und Aufrichtigkeit in der Beratung und beim Wissenstransfer bescheinigt.

Also: Die Zeichen stehen bestens für deutsche Investitionen, sei es mit voller deutscher Beteiligung, gewissermaßen im Alleingang, oder in Form sog. Joint-Ventures, einer in den letzten 40 Jahren mehr und mehr beliebter gewordenen Form des Engagements im Land. Die derzeit schwache Binnennachfrage in vielen Bereichen wird zum großen Teil durch Möglichkeiten auf der Exportseite ausgeglichen. Viele Firmen haben nach der Abwertung des Baht gegenüber den meisten Auslandswährungen schlagartig auf Export umgestellt. Vor einigen Tagen hörten wir von der Italian-Thai Chamber of Commerce in Bangkok, daß z.Zt. viele italienische Firmen in Thailand gerade wegen der guten Exportmöglichkeiten investieren.

Für den reinen Export F.O.B. Hamburg stehen z.Zt. die Weichen nicht so gut. Auszugehen ist davon, daß der thailändische Käufer "knapp bei Kasse" ist, um es zurückhaltend zu sagen. In einigen Schwerpunkt-bereichen, in denen Strukturverbesserungen angestrebt und fest ge-plant sind, ist es anders. Hier sind mittlerweile finanzielle Töpfe vorhanden, aus denen gezogen werden kann.

Auch ist zu untersuchen, ob die verschiedenen Zusagen deutscher Politiker und Finanzierungsstellen (z.B. KfW) in den letzten Wochen nicht zusätzliche Lieferanten oder Bestellkreditmöglichkeiten geschaffen haben. Vor einigen Wochen sagte Bundesfinanzminister Waigel Thailand ein zusätzliches Kreditpaket von DM 204 Mio. zu. Für Lieferanten deutscher Luxus-Konsumgüter wird es hingegen z.Zt. schwierig sein, in großem Umfang in Thailand ins Geschäft zu kommen.

Aber selbst bei fehlenden Barzahlungsmitteln seitens des thailändischen Käufers bietet sich für deutsche Verkäufer und thailändische Käufer ein Weg aus der Klemme: Zahlung des Kaufpreises oder eines Teiles davon in Form der Übernahme von Firmenanteilen, Stundung des Kaufpreises gegen Garantie der Muttergesellschaft oder einer thailändischen Bank und außerdem Tausch, Buy-back sowie Kompensationsregelungen. Letztere Arten der Bezahlung sind unseren deutschen Lieferanten aus den neuen Bundesländern noch aus früherer kommunistischer Zeit vertraut; hier bietet sich gute Gelegenheit, auf diese Verhältnisse zurückzugreifen. In jedem Fall sollte der Kontakt zum thailändischen Kunden gerade während dieser schwierigen Zeit gepflegt werden. Mit Sicherheit läuft das Ersatzteil - und Verschleißteilgeschäft weiter. Auch Maschinenüberholung zur Produktivitätssteigerung wird neuerlich häufiger vereinbart. Auch Modernisierungsinvestitionen werden z.Zt. gerne getätigt. In elf Schwerpunktbereichen der thailändischen Wirtschaft ist Modernisierung zur strukturellen Umgestaltung oberstes Ziel: Lebensmittel, Textilien und Bekleidung, Schuhe und Lederwaren, Holz und Möbel, Medizin und Chemie, Plastik, Keramik und Glas, Elektrik und Elektronik, Kraftfahrzeuge und deren Teile sowie Schmuck und Edelsteine.

Und vor allen in den Bereichen Training, Ausbildung und Transfer technischen Wissens und Transfer von Managementwissen sind größte Bedürfnisse. Deutsche Unternehmen, die hier Dienstleistungen anbieten, werden von thailändischen Unternehmen und von der Regierung händeringend gesucht. Auch hier sind Gelder vorhanden, um die Maßnahmen zu bezahlen. Alle Beteiligten wissen, daß Thailand den Weg aus der Krise langfristig nur schaffen wird, wenn es gelingt, die hier vorhandenen menschlichen Kenntnis-Engpässe zu beseitigen. Das Ziel muß sein: Produktivitäts- und Effizienzsteigerung in allen Bereichen. Dazu bedarf es natürlich nicht nur der Bereitschaft und des Willens auf der Seite der Ausbildenden, sondern auch der Aufnahmebereitschaft und des Willens zu lernen, des Willens nach vorne zu gehen, ein Ziel zu erreichen, auf der Seite der Auszubildenden.

In jedem Fall sollten Sie bereits jetzt Ihre Beteiligung an unserem großen Deutschen Technologie Symposium vorsehen, das im nächsten Jahr vom 9. - 13 November 1999 in Bangkok zum sechsten Mal veranstaltet wird. In dieser Leistungsschau der deutschen Wirtschaft wird deutschen Herstellern von Investitionsgütern und dem Ausbildungsbereich beste Gelegenheit geboten, zu günstigsten Preisen, ihre Marktpräsenz in Thailand, aber auch den Nachbarländern auszubauen. Informationsblätter und Voranmeldebögen liegen hier für Sie aus.

Meine Damen und Herren, Thailand hat in seiner langen Geschichte bislang zwei nationale Krisen erfolgreich gemeistert: Das Erobern und Anzünden seiner Hauptstadt Ayutthaya durch die Burmesen im Jahr 1767; und die geographischen "Amputationen" des Landes durch europäische Kolonialmächte im Jahre 1894. Thailand und sein Volk besitzen ungewöhnliche Fähigkeiten, in Zeiten äußerster Not besonnen und in gesundem Selbstvertrauen zusammenzustehen und gemeinsam das schier Unmögliche zu schaffen.

Die derzeitige Krise ist "nur" wirtschaftlicher Art, aber komplexer und damit eigentlich gefährlicher als die oben genannten politischen Krisen. Sie erfordert nicht nur Besonnenheit und Mut, sondern auch die Einleitung und Durchführung eines kulturellen Transformationsprozesses. Die derzeitige politische Führung und Wirtschaftselite ist entschlossen, diesen Weg zu gehen. Nur dieser Weg wird Thailand einen Platz innerhalb der führenden Wirtschaftsnationen Asiens im nächsten Jahrhundert verschaffen. Daran durch stärkere Einbindung des Landes in bilaterale und multilaterale Wirtschaftsprozesse mitzuwirken, ist für Thailand und die ausländischen Partner von großer Wichtigkeit. Für deutsche Unternehmen bietet sich hier ein besonders lohnende Rolle an. Meine Damen und Herren, greifen Sie diese Chance auf.

Sie werden sie so schnell nicht wieder erhalten und Sie werden auch reichhaltig belohnt werden.

Bangkok, April 1998

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