- Chancen für die deutsche Industrie - von Dr. Paul Strunk Rechtsanwalt/Hauptgeschäftsführer Deutsch-Thailändische Handelskammer Es ist eine altbekannte Tatsache, daß jede Wirtschaftskrise neue Chancen mit sich bringt, insbesondere für Außenstehende. Mit der Wirtschaftskrise in Thailand ist es ebenso. Die Ursachenbetrachtung ist abgeschlossen: Unterentwickelte Kapitalmärkte, unzureichende Bankenaufsicht, Mangel an Transparenz und Informationen, schlechte Unternehmensführung sowie fehlerhafte staatliche Führung stehen im Vordergrund der Verursachung. Außerdem haben der enorme Anstieg des Außenwerts des Dollar sowie die Risiken der Globalisierung das ihre zum Dilemma beigetragen. Die Folgen für die deutsch-thailändischen Handelsbeziehungen sind nicht zu übersehen. Der deutsche Export nach Thailand ist 1997 um ca. 14,3% gegenüber 1996 gesunken; der thailändische Export nach Deutschland ist als Folge der erheblichen Bahtabwertung gegenüber der D-Mark um 9,2 % gestiegen. Besonders ist der Kauf deutscher Maschinen und Anlagen betroffen. Hier wurde im Jahre 1997 ein Rückgang von 26,3 % festgestellt. Auf der Investitionsseite lassen sich die Folgen noch nicht absehen. Die vom thailändischen Board of Investment im Jahr 1997 genehmigten 22 deutschen Investitionsanträge mit einem deutschen Investitionswert von DM 223 Mio. stammen aus dem Jahr 1996, also aus der Zeit vor der Krise. 1998 wird das deutsche Investitionsvolumen in Thailand gegenüber den Zahlen aus dem Jahr 1997 stark zurückgehen. Dennoch die derzeitigen Chancen für den deutschen Unternehmer in Thailand sind nicht zu übersehen: 1.) Größte Liquiditätsengpässe bei thailändischen Firmen machen die Suche nach ausländischen Finanzgebern und Partnern zum Gebot der Stunde. Da inländische Finanzquellen wegen exorbitanter Zinsen (17 % und mehr) nicht in Frage kommen und ausländische Darlehen z.Zt. an thailändische Geschäftsleute kaum vergeben werden, ist der ausländische Investor sowohl als Equity- als auch Darlehensgeber die einzige verbleibende Lösung. 2.) Grundstücks- und Immobilienpreise sind bereits seit Mitte 1997 um ca. 30 % gefallen, es wird angenommen, daß sie bis Ende 1998 weiter um ca. 20 % fallen werden. 1999 werden die Preise wegen neuer Nachfrage und des Fehlens neuer Fertigstellungen von Gebäuden wieder anziehen. Z.Zt. gibt es keine Großstadt in Asien, wo der Quadratmeter für Büroraum so preisgünstig zu haben ist, wie in Bangkok. 3.) Nach der Sommerpause wird das thailändische Parlament neue Vorschriften zur weiteren Liberalisierung und Modernisierung der Investitionsbedingungen für ausländische Investoren beschließen. Das Ausländerinvestitionsgesetz wird dann weitere Wirtschaftsbereiche für ausländische Unternehmen öffnen und zwar sowohl im Herstell-, Handels-, als auch im Servicebereich. 4.) Deutschen Investoren wird von thailändischer Seite Achtung gezeigt. Sie sind nach thailändischer Ansicht nicht nur in der Lage, ein Qualitätsprodukt von langer Lebensdauer herzustellen. Sondern ihnen wird auch Kompetenz und Aufrichtigkeit in der Beratung und beim Wissenstransfer bescheinigt. 5.) Nicht zu übersehen ist auch, daß durch den - noch - niedrigen Kurs der thailändischen Währung große Chancen für den Export bestehen. Exportfirmen in Thailand sind z.Zt. bestens mit Aufträgen bedient. Sie fahren große Gewinne ein und hoffen auf eine Stabilisierung des Baht-Kurses auf niedrigem Niveau. Viele europäische Firmen investieren z.Zt. in Thailand wegen der guten Exportmöglichkeiten. Für den reinen Export FOB Hamburg stehen natürlich z.Zt. die Weichen nicht so gut, da thailändische Käufer "knapp bei Kasse" sind. Allerdings gibt es 11 Bereiche, die im besonderen Maße modernisiert und strukturell verbessert werden müssen und wo Maschinen aus dem Ausland gefragt sind: Es sind dies folgende Sektoren: Textil, Nahrungsmittel, Kfz-Technik, Lederwaren, Holzbearbeitung, Chemie, Elektrotechnik, Elektronik, Computer, Schmuck und Edelsteine, Kunststoffverarbeitung, Kautschuk, Keramik und Glas. Hier sind finanzielle Töpfe vorhanden, aus denen die Finanzierung von Käufern sichergestellt werden kann. Aber selbst bei fehlenden Barzahlungsmitteln seitens des thailändischen Käufers, bietet sich für deutsche Verkäufer und thailändische Käufer ein Weg aus der Klemme: Zahlung des Kaufpreises oder eines Teiles davon durch Übernahme von Firmenanteilen, Stundung des Kaufpreises gegen Garantie der Muttergesellschaft oder einer thailändischen Bank und außerdem Tausch, Buy-back sowie Kompensationsregelungen. In jedem Fall sollte der Kontakt zum thailändischen Kunden gerade während dieser schwierigen Zeit gepflegt werden. Mit Sicherheit läuft das Ersatzteilgeschäft weiter. Auch Maschinenüberholung zur Produktivitätssteigerung wird neuerlich häufiger vereinbart. Das gleiche gilt für Modernisierungsinvestitionen. Vor allem aber bieten sich für deutsche Anbieter in den Bereichen: Training, Ausbildung und Transfer technischen Wissens sowie Transfer von Managementwissen größte Chancen, da hier die Bedürfnisse unermeßlich sind. Auch hier sind Gelder vorhanden, um die Maßnahmen zu bezahlen, da allseits erkannt ist, daß fehlendes technisches Wissen sowie fehlendes Managementwissen in großem Umfang zur Krise beigetragen haben. Thailand hat bislang alle großen Krisen gemeistert: Die Invasion seitens der Burmesen im Jahr 1767, die Annektion von Teilen seines Hoheitsgebietes durch die Kolonialmächte Ende des 19. Jahrhunderts sowie die Verfassungskrise im Jahr 1937. Dennoch: In gewisser Weise stellt die derzeitige Krise größere Anforderungen, da von Regierung und Bevölkerung ein kultureller Transformationsprozeß gefordert wird, eine Veränderung der Gesellschaft in Richtung auf mehr Transparenz, größere Eigenverantwortlichkeit, Qualität und Geschäftsethik. Daran mitzuwirken ist eine große Aufgabe aber auch Chance für deutsche Unternehmer, die sich für Sie in barer Münze auszahlen wird. Bangkok, April 1998 Kommentare |