baanthai Magazin - Thailands Wirtschaft im Strukturwandel von Dr. Paul Strunk
Thailands Wirtschaft im Strukturwandel

Chancen für die deutsche Industrie - Vortrag am Wirtschaftstag Thailand am 2. Oktober 1997 in Berlin

von Dr. Paul Strunk, Direktor
Deutsch-Thailändische Handelskammer, Bangkok

Im Herbst 1997 steht Thailand am Beginn einer neuen Zeit. Nicht nur im politischen Bereich ist eine erste 'Volksverfassung' mit echtem Grundrechtskatalog und Kontrollmechanismus, zur Verhinderung von Stimmenkauf und Amtsmissbrauch vom Parlament, zu verabschieden.
Auch im neuen Wirtschaftsleben ist ein neuer Anfang zu machen. Die neuen 'Gesetze' sind bekannt, jedoch noch nicht praktiziert. Altes ist vertraut, doch funktioniert es nicht mehr.
Der thailändische Geschäftsmann von heute, sieht sich zwischen den Regeln von Patronage, blindem Gehorsam, Opportunismus und Günstlingtum - als den Eckpfeilern einer zu Ende gehenden Zeit - und den Anforderungen einer modernen Wirtschaftsordnung zu Beginn des 21. Jahrhunderts - basierend auf Erziehung, Verantwortlichkeit, Recht und Verträgen, modernem Management, verlässlichem Rechnungs- und Kontrollwesen und Gemeinsinn - hin- und hergerissen.

Dieser Uebergang ist schwierig, muss jedoch sein. Andernfalls droht wirtschaftlicher Verfall und gesellschaftlicher Niedergang.

Die bislang erzielten wirtschaftlichen Erfolge Thailands sind mehr als bemerkenswert. In den letzten zehn Jahren hat das Land seine Wirtschaft verdoppelt und von vorwiegend landwirtschaftlicher Produktion auf industrielle Halb- und Fertigprodukte umgestellt. Das Prokopfeinkommen stieg von Baht 21.584 im Jahr 1986 auf Baht 78.806 im Jahr 1996. Weltweit nimmt Thailands Wirtschaft inzwischen den 26. Platz ein. Noch vor kurzem bescheinigte die Weltbank dem 'Königreich des Wachstums', im Jahr 2020 auf Platz 16 der Weltrangliste zu stehen. Angesichts der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftkrise dürfte diese Voraussage nicht mehr zutreffen.

Wie kam es zu dem Dilemma?

Mehrere Faktoren haben zusammengewirkt. Im Immobiliensektor - einschliesslich dem Bau privater Krankenhäuser - wurde ganz erheblich am Bedarf vorbeigebaut. Aehnliches gilt für den Automobilbereich und die Petrochemie. Eine Politik der Deregulierung und Liberalisierung in Verbindung mit dem Wunsch, regionales Finanzzentrum zu werden, schuf im Jahre 1992 mit der Bangkok International Banking Faciliting (BIBF) der Möglichkeit, Darlehen in Währungen aller Art zu attraktivem Weltzinsniveau aufzunehmen. Das hat die Spekulation begünstigt. Hinzutrat die Garantieerklärung der thailändischen Regierung, die Dollar/Baht Parität werde auch in Zukunft beibehalten. Inzwischen sind die grössten Eisen- und Stahlprojekte (TPI) auf Eis gelegt; im Automobilbau bestehen Ueberkapazitäten von 92%, bei Wohn- und Geschäftshäusern im Grossraum Bangkok sind es 100% und bei privaten Krankenhausbetten sogar 200%.

Im Export ist Thailand bereits seit 1996 an seine Grenzen gestossen. Kostensteigerungen der Produktionsfaktoren Boden und (vor allem) Arbeit haben thailändische Produkte im internationalen Wettbewerb zu teuer gemacht. Eine Aenderung der gesamten Struktur der thailändischen Industrie ist jetzt überfällig. Zu lange hat man sich auf seinen Erfolgen ausgeruht und vergessen, Design, Produktqualität und Effizienz der Herstellprozesse zu erhöhen. Erziehung und Ausbildung von Ingenieuren, Technikern und Industriearbeitern wurden sträflich vernachlässigt. Entwicklung und Einführung technischen Wissens aus dem Ausland, sowie Ersetzung alter Maschinen und Anlagen durch modernes Gerät sind jetzt das Gebot der Stunde.

Zwar bemüht sich die Regierung mit allen Mitteln, den Export weiter anzukurbeln, jedoch nur mit mässigem Erfolg. Vorteile aus der de facto Abwertung des Baht gegenüber dem US$, dem japanischen Yen, der deutschen DM und anderen wichtigen Kundenwährungen sind hier nur von kurzfristiger Hilfe, da die Währungen wichtiger Wettbewerbsländer Asiens (z.B. Indonesien, Malaysia und Philippinen) ebenfalls abgewertet wurden.

Ausserdem führten die Einführung einer 3%igen Erhöhung der Mehrwertsteuer, als Forderung des IMF, und abwertungsbedingte Kostensteigerungen beim Import von Produktionsinputs zu einer Verteuerung der thailändischen Produkte. Auch werden sich die Thais in den nächsten Jahren schweren Herzens beim Konsum teurer Lebensmittel, Spirituosen, Bekleidung und sonstiger Luxusartikel aus dem Ausland zurückhalten müssen. Auch Geschäfts- und Ferienreisen ins Ausland werden auf ihre unbedingte Notwendigkeit zu überprüfen sein.

Ansonsten lassen sich die US $ 90 Milliarden Auslandschulden und US $ 20 Milliarden IMF Kredite - nebst Zinsen - nicht zurückzahlen.

Lassen Sie mich wiederholen:

  • Schaffung von Ueberkapazitäten in teilweise unproduktiven Bereichen, wie z.B. Immobilien
  • dadurch herbeigeführte Ueberschuldung im Ausland schafft Liquiditätsprobleme und führte zur Hilfsaktion des IMF mit weiterer Verschuldung
  • Thailands Exportprodukte erleiden Wettbewerbsnachteile durch Kostensteigerung, unzureichendem Design, niedriger Produktqualität und Ineffizienz in der Produktion
  • Ausbildung von Ingenieuren, Technikern und Fachkräften wurde vernachlässigt

Was heisst das für die deutsche Wirtschaft ?

1. Die Export-Erfolgsserie wird grundsätzlich fortgesetzt.

Seit vielen Jahren ist Deutschland Thailands Wirtschaftspartner No. 1 in Europa. Deutschland exportierte 1996 Waren im Wert von DM 5,3 Milliarden nach Thailand und importierte Waren im Wert von DM 3,3 Milliarden. Auf der Basis der Zahlen April des Statistischen Bundesamtes wird Thailand 1997 5,7% weniger Waren von Deutschland kaufen, andererseits an Deutschland aber 5,7% mehr Waren verkaufen. Diese Zahlen sind schlüssig ! Bei Verringerung des Wachstums, besonders der thailändischen Investitionsgüterindustrie, verringert sich das Bedürfnis für die bisherigen Renner des deutschen Exports nach Thailand: Maschinen und Anlagen, Elektrik und Elektronik, und vor allen Dingen Kraftfahrzeuge.

Dennoch: Bei einem in 1997 zu erwartenden Wachstum von 4% bleiben die Bedürfnisse im Ganzen weiterhin über Durchschnitt. Hinzukommt, dass die Erfordernisse höherer Produktqualität und Herstellungseffizienz die Notwendigkeit zum Kauf neuer Machinen 'Made in Germany' erhöhen. Finanzielle Engpässe thailändischer Käufer sind durch intelligente Finanzierungsregelungen in den Griff zu kriegen.

2. Spezielle Bereiche Infrastruktur und Umwelt

Duch das ungezügelte Wachstum der letzten 10 Jahre in Verbindung mit den bekannten Planungsdefiziten des Landes sind die Bedürfnisse in den Bereichen der Infrastruktur (Energie, Häfen, Flughäfen Transport, Kommunikation) sowie Umwelt schlichttweg erdrückend. Die notwendige Kürzungen öffentlicher und privater Budgets betreffen nur in geringem Masse die oben genannten Bedürfnisbereiche. Deutsche Lieferanten von Know-how und Produkten können daher hier weiterhin auf gutes Geschäft hoffen. Der Umwelt-Area-Manager unserer Kammer informiert sie gerne über die anstehenden Projekte.

Im Bereich von Landwirtschaft und landwirtschafltichen Produkten - der traditionelle Kernbereich der thailändischen Wirtschaft - bestehen weiterhin gute Geschäftsmöglichkeiten. Immerhin sprechen wir hier von Grössenordnungen von 60% der gesamten thailändischen Wirtschaft. Besonders Kenntnisse über Früchte- und Lebensmittelverarbeitung, Konservierung, Design, Labelling und Verpackung sowie Einrichtung moderner Verarbeitungs- und Lagerstätten sind von Nöten. Ready-to-Eat-Mahlzeiten werden von der tragenden Mittelschicht mehr und mehr nachgefragt. Auch in diesem Jahr haben thailändische Firmen in grosser Zahl als Aussteller oder Besucher an der in diesen Tagen in Köln stattfindenden ANUGA teilgenommen.

Aber mehr denn je gilt heute: Nähe zum Kunden, persönliche Kontakte, Bedürfnisse abklopfen, Produkt- und Projektanpassung, vor allem auch im Hinblick auf etwaige finanzielle Kundenengpässe. Im übrigen sind ja die vom IMF und anderen Kreditgebern gewährten Darlehen vorgesehen für obig notwendige Schwerpunktbereiche der thailändischen Entwicklung, sowie für Massnahmen zur Erhöhung industrieller Produktivität.

3. Investionen und Technologietransfer

Im Investitionsbereich hat eine von der Deutsch-Thailändischen Handelskammer in Zusammenarbeit mit der DEG durchgeführte Firmenbefragung deutscher Investoren in Thailand ergeben, dass Ende 1996 insgesamt ca. DM 5,5 Milliarden deutsches Kapital in Thailand war, was sich auf ca. 350 Unternehmen verteilt. In diesem Jahr wurden vom Board of Investment bislang neun weitere Projekte mit deutscher Beteiligung genehmigt.

Seitens des Board of Investment werden jetzt verstärkt Projekte gefördert, die ohne grossen Devisenabfluss zu verwirklichen sind, sondern im Gegenteil eigene Ressourcen verarbeiten, Mehrwert schaffen und durch Export Deviseneinnahmen mit sich bringen.

Für Mittelständler ergeben sich als Folge der derzeitigen schwierigen Lage der thailändischen Wirtschaft auch gute Möglichkeiten zum käuflichen Erwerb von Anteilen an thailändischen Unternehmen zu Niedrigstpreisen. Zur Vermeidung des Transfers von Bargeld können eigene Technologie, Maschinen und Anlagen, aber auch der Zugang zum Exportmarkt eingebracht werden. Auch börsennotierte Firmen bieten sich angesichts des niedrigen Baht-Kurses und der unglaublichen Talfahrt der thailändischen Börse zu günstigem Preis an. Für Neugründungen stehen Arbeiter und Fachkräfte wieder zu vernünftigen Preisen zur Verfügung.

Vor allem aber bestehen weiterhin bei thailändischen Firmen grösste Bedürfnisse für den Transfer technischen Wissens jeder Art. Deutsche Unternehmen sollten daher mehr als in der Vergangenheit von der Möglichkeit Gebrauch machen, durch Training und sonstige Massnahmen Herstellwissen zu übertragen und dadurch zusätzliche Einnahmen zu erzielen.

Wegen der angespannten Finanzlage des Landes werden Investitionen beonders dort mit offenen Armen empfangen, wo sie helfen, ansonsten notwendige Käufe aus dem Ausland zu umgehen. Das ist vor allem im Bereich des Maschinenbaus der Fall. Gut ein Drittel des gesamten deutschen Exports nach Thailand waren in der Vergangenheit Maschinen und Anlagen. In den ersten vier Monaten des Jahres 1997 ging der Export von Maschinen und Anlagen bereits um alarmierende 12,2% gegenüber dem Vorjahr zurück. Die durchaus beachtliche, wenn auch noch kleine thailändische Maschinenbauindustrie steht daher bereit, in Gemeinschaft mit deutschen Maschinenbauern in Thailand Maschinen zu fertigen. Vor allem in den Bereichen Formenbau, Präzisions- und Werkzeugmaschinen, sowie Plastikproduktherstellung werden wir immer wieder auf die grossen thailändischen Bedürfnisse angesprochen. Für deutsche Maschinenbauer ist das eine interessante Möglichkeit geographischer Diversifikation zur Schaffung örtlicher Präsenzen in einem Schwerpunktland der ASEAN Freihandelszone AFTA, die im Jahr 2002 verwirklicht sein wird.

Die derzeitige Finanz- und Wirtschaftslage führt auch dazu, dass die Bedingungen für ein Tätigwerden von Ausländern im Land wesentlich attraktiver werden. So wurde im Juli des Jahres seitens des Board of Investment ein One-Stop-Service Center zur vereinfachten Erteilung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnissen geschaffen. Jetzt ist es dort möglich, innerhalb von 3 Stunden die Genehmigungen zu erhalten, vorausgesetzt alle Unterlagen liegen dem Antrag bei. Eigentumswohnungen können jetzt bis zu 100% einer Eigentums-Wohnanlage von Ausländern erworben werden; bislang war der Ausländeranteil auf 40% beschränkt. Auch Grund und Boden stehen Ausländern jetzt zum Kauf frei. Das Board of Investment hat vor kurzem seine Förderpolitik dahin geändert, dass nun auch wieder Vergünstigungen für Investitionen in Zone 1 (Bangkok und Umgebung) gewährt werden. Investoren erhalten zusätzliche Zollvergünstigungen. Und schliesslich steht auch wieder, die Ausländer erheblich diskriminierende, Ausländergesetzgebung zur Disposition, ein Investitionen hemmendes Relikt aus dem Jahre 1972.

Schlussfolgerung

Meine Damen und Herren, ich bin der festen Ueberzeugung: Die Grundbedingungen für erfolgreiches unternehmerisches Engagement in Thailand bestehen fort und sind weiterhin besser als in den meisten anderen asiatischen Ländern. Thailand braucht ausländische Technologie und ausländisches Kapital heute mehr denn je. Die Eintrittskarte zum thailändischen Markt ist daher z.Zt. zum Schleuderpreis zu haben. Wenn Thailand die wahren Ursachen der heutigen Misere erkennt und wirksame Massnahmen zur Abhilfe ergreift, wird das Land aus der Krise gestärkt hervorgehen. Dazu gehören völlige Umstellung des politischen Systems und den politischen Verhältnissen in der Bevölkerung. Lernen, Lernen und nochmals Lernen, sowie eigene Verantwortung tragen auf den verschiedenen Stufen der Entscheidungsleiter; und vor allem 'Leadership' und 'Vision' an der Spitze.

Nur dann ist neues anhaltendes Wirtschaftswachstum auf erhöhtem Niveau zu erreichen. Nur dann ist die Basis gelegt für neue Know-How-Transfers und neue Joint-Ventures mit dem technologischem Lieblingspartner Deutschland; und nur dann wird Thailand einen Platz erhalten in der Liga der führenden Industrienationen dieser Welt. Bis dahin ist aber noch ein schwieriger und langer Weg.

Ich danke Ihnen.

Dr. Paul Strunk
12. September 1997

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